Kennst du das Gefühl, wenn du dich auf ein Event freust, nur um dann festzustellen, dass es gar nicht so aufregend ist, wie du es dir ausgemalt hast? Oder vielleicht auch das Gegenteil: Du hast gar keine Lust, irgendwo hinzugehen, und plötzlich ist es doch richtig schön? Die Diskrepanz zwischen Erwartung und tatsächlichem Erleben ist ein Phänomen, das wohl jeder kennt. Doch für manche Menschen ist diese Lücke größer als für andere – insbesondere für Menschen, die nur wenig Freude an sozialen Interaktionen empfinden.
Manche nennen es soziale Anhedonie: die fehlende oder stark reduzierte Fähigkeit, Vergnügen aus zwischenmenschlichen Begegnungen zu ziehen. Für diese Menschen sind soziale Ereignisse oft weniger attraktiv. Die Idee, sich mit anderen zu treffen, ein Gespräch zu führen oder sich auf eine gesellige Runde einzulassen, wirkt eher anstrengend als bereichernd. Und das Interessante daran? Oft ist diese negative Erwartung gar nicht gerechtfertigt. Denn wenn es dann doch zu solchen Begegnungen kommt, ist das Erlebnis oft positiver, als vorher angenommen.
Das ist nicht nur eine theoretische Überlegung, sondern eine wissenschaftlich belegte Erkenntnis. Forscher haben herausgefunden, dass Menschen mit sozialer Anhedonie dazu neigen, den Spaßfaktor sozialer Interaktionen drastisch zu unterschätzen. Sie erwarten, dass es unangenehm oder langweilig wird, doch wenn sie tatsächlich in der Situation sind, ist es oft gar nicht so schlimm – oder sogar überraschend gut. Aber die Erinnerung an diese positiven Erlebnisse reicht nicht aus, um ihre zukünftigen Erwartungen zu beeinflussen. Sie bleiben in ihrem negativen Vorhersagemuster gefangen.
Das ist, als würde man sich jedes Mal vor einem Besuch im Fitnessstudio ausmalen, wie quälend das Training sein wird, nur um dann festzustellen, dass es nach den ersten Minuten eigentlich ganz angenehm ist – und sich danach sogar großartig anfühlt. Aber trotzdem bleibt beim nächsten Mal wieder die gleiche Abneigung. Der Kopf macht eine Rechnung auf, die nicht aufgeht: Die negative Erwartung bleibt hartnäckig bestehen, egal, wie oft die Realität sie widerlegt.
Warum ist das so? Dahinter steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Gedächtnis, Gefühlen und kognitiven Verzerrungen. Menschen mit sozialer Anhedonie scheinen Schwierigkeiten zu haben, ihre affektive Vorhersage an die Realität anzupassen. Ihr Gehirn speichert die positiven Erlebnisse nicht so ab, dass sie Einfluss auf zukünftige Entscheidungen nehmen. Das bedeutet, dass sie sich auch nach zahlreichen positiven Erfahrungen immer wieder selbst davon überzeugen, dass es sich nicht lohnt, Kontakte zu pflegen oder soziale Veranstaltungen zu besuchen.
Dieses Phänomen hat weitreichende Konsequenzen. Denn soziale Interaktionen sind nicht nur eine nette Freizeitbeschäftigung – sie sind essenziell für unser Wohlbefinden. Wer sich zu oft von sozialen Erlebnissen fernhält, weil er sie für uninteressant oder anstrengend hält, riskiert langfristig Isolation. Und soziale Isolation wiederum ist ein Risikofaktor für eine Vielzahl psychischer und körperlicher Erkrankungen.
Gibt es einen Ausweg? Möglicherweise. Die Tatsache, dass die Realität oft besser ist als die Erwartung, ist ein wertvoller Hinweis für mögliche Therapieansätze. Wenn Betroffene lernen, ihre eigenen negativen Vorhersagen in Frage zu stellen, könnte das langfristig helfen. Vielleicht würde es reichen, sich aktiv daran zu erinnern, dass frühere soziale Ereignisse angenehmer waren, als ursprünglich erwartet. Oder bewusst kleine Schritte in soziale Situationen zu wagen, um die eigenen Vorhersagen zu testen.
Es ist ein bisschen wie mit einer neuen Serie: Manchmal hat man keine Lust, sie anzufangen, weil man glaubt, sie sei langweilig. Doch sobald die erste Folge läuft, ist man plötzlich mittendrin – und vielleicht sogar süchtig danach. Vielleicht funktioniert soziale Freude ja ähnlich. Man muss sich nur darauf einlassen.
