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Vielleicht kennt der eine oder andere sie, diese Momente, in denen man mitten in einem Gespräch plötzlich merkt, dass man unsichtbar geworden ist. So  erzählt man vielleicht von seinem Schmerz, seiner Freude oder seiner Sorge und kaum sind die Worte ausgesprochen, kippt der Fokus weg. Ein Satz von jemand anderem fällt, der auf den ersten Blick wie Verständnis klingt, der im Kern aber die Bühne wieder zurückerobert. So funktionieren Menschen, die das eigene Ich so selbstverständlich in den Mittelpunkt stellen, dass für das Gegenüber kaum noch Raum bleibt.

Psychologische Forschung beschreibt diesen Mechanismus schon lange, wonach unser Gehirn darauf trainiert ist, eigene Bedürfnisse als besonders dringlich wahrzunehmen. Manche schaffen es, diese Impulse zu zügeln und echtes Interesse am anderen zu zeigen, andere hingegen verstärken sie. Wer gelernt hat, die eigene Perspektive ständig über die der anderen zu stellen, entwickelt mit der Zeit Muster, die in Beziehungen wie kleine Risse wirken. Diese Risse können oberflächlich bleiben, etwa im Gespräch mit einem Kollegen, oder sie können tiefer gehen, wenn es um Menschen geht, die einem wirklich nahestehen.

Typisch ist die Tendenz, jede Erfahrung sofort an sich selbst zurückzubinden. Jemand spricht von einem Verlust, und statt innezuhalten und zuzuhören, kommt die Antwort des anderen: „Mir ist das auch passiert.“  Was auf den ersten Blick wie Nähe klingt, ist oft eher ein Diebstahl des Moments. Denn der andere wollte gerade etwas teilen, und plötzlich geht es nicht mehr um ihn. Studien zeigen, dass genau diese Verschiebung das Gefühl erzeugt, nicht wirklich gehört zu werden und langfristig Entfremdung schafft.

Ein weiteres Beispiel begegnet uns im Streit. Wenn jemand verletzt hat und darauf angesprochen wird, folgt nicht selten ein lapidares: „Ich vergesse so etwas schnell.“ Es klingt harmlos, fast pragmatisch, doch die Botschaft ist klar, dass nämlich das Problem nicht beim Handelnden liegt, sondern bei dem, der sich erinnert. Anstatt Verantwortung zu übernehmen, wird die Last der Versöhnung verschoben. Aus Sicht der Sozialpsychologie ist das ein klassischer Mechanismus der Selbstentlastung, er dient dem Schutz des eigenen Selbstbildes, während das Gegenüber mit der Verletzung zurückbleibt.

Auch in alltäglichen Situationen taucht diese Haltung auf. Ein gemeinsames Projekt im Büro? Der eine fragt sofort: „Was habe ich davon. Ein Erfolg anderer?“ Die Reaktion lautet: „Ich hätte das besser gemacht.“ Wer so reagiert, macht den eigenen Wert immer abhängig von Vergleich und Nutzen. Altruismus, also die Fähigkeit, etwas ohne direkten Vorteil zu geben, fällt diesen Menschen schwer. Neuere Studien betonen, dass Menschen, die konsequent in dieser Art handeln, nicht unbedingt böse Absichten haben. Häufig handelt es sich um erlernte Schutzmechanismen, die eng mit Selbstunsicherheit verbunden sind. Das Ich muss permanent aufgeladen werden, weil darunter die Angst lauert, sonst nicht genug zu sein.

Im Alltag zeigt sich das auf leise, aber wirksame Weise. Man merkt es, wenn man mit einer Freundin Kaffee trinkt und kaum einen Gedanken zu Ende sprechen kann, ohne dass er sofort überlagert wird. Oder wenn im Familienkreis jede Kritik an Gewohnheiten mit dem Hinweis abgebügelt wird, man habe es schon immer so gemacht. Solche Sätze wirken wie kleine Barrieren, die jedes Gespräch abbremsen. Sie schützen die sprechende Person, verhindern aber Nähe und Weiterentwicklung.

Das Entscheidende ist, diese Muster zu erkennen, ohne sofort mit einem Urteil über Gut oder Böse zu reagieren. Es geht nicht darum, Menschen abzustempeln, sondern darum, die Dynamik zu verstehen. Denn nur wer versteht, kann Grenzen setzen. Für flüchtige Bekanntschaften reicht oft eine gewisse Distanz. Man bleibt freundlich, aber teilt nicht mehr, als nötig ist. In engeren Beziehungen lohnt es sich, den Fokus behutsam zurückzuholen. Ein einfaches: „Ich möchte gerade noch bei meinem Thema bleiben.“ kann erstaunlich kraftvoll sein.

Die Wissenschaft sagt uns, dass Anerkennung und echtes Zuhören zu den wichtigsten Grundpfeilern gelingender Beziehungen gehören. Wer die Bühne ständig allein beansprucht, schadet nicht nur anderen, sondern auch sich selbst, weil er auf Dauer Vertrauen verliert. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein erster Schritt, um Muster zu durchbrechen. Vielleicht hilft dabei die Erinnerung, dass ein Gespräch mehr ist als ein Schlagabtausch von Worten. Es ist ein Raum, den man gemeinsam betritt und der nur dann wirklich wertvoll wird, wenn beide dort Platz finden.

Am Ende bleibt die Frage, die jeder sich stellen kann: „Will ich Recht behalten, glänzen, profitieren oder will ich verstehen und verstanden werden.“ Die Antwort entscheidet nicht nur über den Verlauf eines Gesprächs, sondern oft auch über die Qualität einer ganzen Beziehung.

Von Selma Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel