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Hat das Leben wirklich nur einen Zwei-Personen-Takt?  Pärchenfotos mal hier und mal  dort, klassische gemeinsame Urlaube im Gespräch, ein ständiges „Wir“ in Nebensätzen, die so selbstverständlich klingen, als würde man ohne es kaum vollständig atmen und wer allein ist, steht dabei schnell unter einem merkwürdigen Scheinwerferlicht. So, als müsse er erklären, rechtfertigen oder zumindest lächelnd versichern, dass alles „voll okay“ sei. Genau hier beginnt ein Missverständnis, das sich erstaunlich hartnäckig hält. Das Dauer-Single sein ist keine Diagnose, sondern ein Zustand, der auf sehr verschiedene Arten entstehen kann, beispielsweise aus einer bewußten Entscheidung, aus einer Lebensphase, aus Verletzung,  aus Gewohnheit und manchmal aus einer stillen Mischung aus allem. Wer lange allein bleibt, ist nicht automatisch „beziehungsunfähig“. Es ist eher so, dass Beziehungen kein Talent sind wie Jonglieren, das manche haben und andere nicht, sondern ein Zusammenspiel aus inneren Mustern, Gelegenheiten, Mut, Timing und ja, auch dem Zufall, der seine Termine selten mit uns abstimmt.

Psychologisch betrachtet tragen wir alle eine Art Beziehungskompass in uns, der sich früh einstellt und später nur selten ganz von allein neu kalibriert. Manche Menschen haben gelernt, Nähe als etwas Wärmendes zu erleben. Andere haben Nähe irgendwann eher als unberechenbar, fordernd oder gefährlich abgespeichert, das aber nicht unbedingt dramatisch. Das kann sich dann im Erwachsenenleben zeigen, ohne dass man es sofort bemerkt. Man findet Partner zwar interessant, aber sobald es ernst wird, ist da dieses feine Ziehen im Bauch, das nicht Romantik ist, sondern Alarm. Oder man sehnt sich nach Nähe, aber wenn sie da ist, fühlt sie sich schwer an, fast wie ein Mantel, den man nicht tragen kann, obwohl er eigentlich passt. Forschung zu Bindungsstilen beschreibt solche Muster schon lange als sicher gebunden, eher vermeidend, eher ängstlich, und manchmal beides zugleich. Das Spannende ist nicht das Etikett, sondern die Erkenntnis dahinter. Denn unser Verhalten in Beziehungen ist oft weniger „Charakter“ als erlernte Schutzstrategie. Und Schutzstrategien sind klug, nur eben nicht immer hilfreich, wenn man eigentlich Verbindung will.

Dauer-Singles werden in der Öffentlichkeit gern auf ein paar Eigenschaften reduziert wie introvertiert, unsicher, unzufrieden, zu wählerisch, zu bequem oder eben zu irgendwas. Das ist so, als würde man einem Buch nach dem Einband erklären, warum es noch nicht gelesen wurde. Introversion zum Beispiel ist kein Mangel an Beziehungsfähigkeit, sondern eine andere Art von Energiehaushalt. Wer introvertiert ist, braucht häufig mehr Ruhe, mehr Tiefe, weniger Smalltalk-Feuerwerk und landet damit in einer Datingwelt, die manchmal wie eine Dauerparty wirkt. Während andere scheinbar spielend von „Hi, wie geht’s?“ zu „Wollen wir nächste Woche wegfahren?“ springen, sitzt der introvertierte Mensch innerlich schon beim dritten Satz und fragt sich, ob er das Gespräch jetzt freundlich beenden darf, ohne unhöflich zu wirken. Das ist nicht Unfähigkeit, das ist ein anderes Tempo. Und Beziehungen lieben Tempo, nur eben nicht immer dasselbe.

Unsicherheit wiederum ist ein Wort, das viel zu grob ist für das, was dahinter steckt. Oft ist es nicht „Ich bin unsicher“, sondern „Ich kann schlecht glauben, dass ich gemeint bin“. Ein Kompliment wird abgewehrt, eine Zuneigung wird kleingeredet, eine Einladung wird zergrübelt, bis sie sich wie eine Prüfung anfühlt. Wer das kennt, kennt auch die absurden inneren Dialoge: „Wenn ich mich melde, wirke ich bedürftig. Wenn ich mich nicht melde, wirke ich desinteressiert. Wenn ich ehrlich bin, verliere ich. Wenn ich cool bin, verliere ich auch.“ Das ist nicht romantisch, aber sehr menschlich. Und es ist erklärbar. Unser Gehirn ist nämlich darauf spezialisiert, Risiken zu vermeiden, besonders soziale Risiken. Ablehnung fühlt sich nicht nur unangenehm an, sie wird im Körper wie eine kleine Bedrohung gespeichert. Wer einmal gelernt hat, dass Nähe auch wehtun kann, wird vorsichtig, manchmal so vorsichtig, dass Liebe gar nicht erst die Tür findet.

Dann gibt es noch den Bereich, über den man selten offen spricht, weil er weniger dramatisch klingt, aber im Alltag viel ausmacht, und zwar die Gewohnheit. Alleinsein hat Routinen. Es hat eine leise Eleganz. Man entscheidet, wann man müde ist, ohne Diskussion. Man plant, ohne Rücksprache. Man hat sein eigenes Chaos, das niemand kommentiert, und seinen eigenen Frieden, den niemand stört. Je länger man so lebt, desto höher wird die Eintrittsschwelle für jemanden, der da hineinpasst. Nicht, weil man kalt ist, sondern weil der eigene Alltag irgendwann wie eine Wohnung wirkt, die man liebevoll eingerichtet hat. Da lässt man nicht jeden mit Straßenschuhen rein, selbst wenn der Mensch nett ist. Und manchmal ist man so gut darin geworden, das Leben allein zu gestalten, dass man fast vergessen hat, wie man Platz macht, ohne das Gefühl zu bekommen, sich selbst zu verlieren.

Auch die Idee vom „zu wählerisch sein“ ist oft eine vorschnelle Abwertung. Natürlich gibt es unrealistische Checklisten, die berühmte Mischung aus Model, Therapeut und Michelin-Koch, und bitte noch dazu mit perfekter Kommunikation und ohne Vergangenheit. Aber viel häufiger ist „Wählerisch“ ein missverstandenes Signal für Selbstschutz oder für Klarheit. Wer einmal in einer Beziehung war, die klein gemacht, erschöpft oder verwirrt hat, entwickelt einen feineren Radar. Man spürt schneller, wenn Worte nicht zu Taten passen. Man erkennt früher, wenn jemand Nähe nur spielt. Und ja man sortiert dann eher aus. Das ist aber nicht überheblich, sondern schlicht die Erfahrung. Man kann darüber lächeln, dass manche Menschen heute eher einen neuen Staubsauger kaufen als eine neue Beziehung beginnen  wegen der Produkttests, Bewertungen, Rückgaberechte, aber ganz ehrlich, es zeigt doch auch, wie sehr wir inzwischen gelernt haben, uns vor Fehlkäufen zu schützen, selbst bei Gefühlen. Der Haken ist nur, dass Beziehungen keine Geräte sind. Sie lassen sich nicht risikofrei konfigurieren. Wer ausschließlich auf Sicherheit wartet, verpasst manchmal genau den Moment, in dem etwas Echtes überhaupt entstehen könnte.

Und dann gibt es den unsichtbaren Faktor, und zwar die Begegnungsräume. Viele bleiben nicht allein, weil sie „so sind“, sondern weil ihr Leben schlicht wenig Kontaktflächen bietet. Studium, Job, Pferd, Familie, Projekte, der Kalender ist voll, der Kopf auch, und irgendwo dazwischen soll plötzlich eine große Liebe auftauchen, idealerweise spontan, leicht und ohne organisatorischen Aufwand. Als hätte das Leben noch einen freien Parkplatz direkt vor der Tür. Gerade Menschen, die viel Verantwortung tragen oder sehr zielstrebig sind, unterschätzen oft, wie sehr Beziehungen auch praktische Infrastruktur brauchen. Wer nur alle paar Monate zufällig jemanden trifft, darf sich nicht wundern, wenn es nicht sofort funkt. Das ist keine persönliche Schwäche, das ist Statistik mit Herzschmerzpotenzial.

Das Entscheidende ist jedoch, Dauer-Single zu sein ist per se nicht automatisch tragisch und auch nicht automatisch beneidenswert. Es ist ein Zustand, der etwas über die eigene Biografie, das eigene Umfeld und die eigene innere Haltung erzählt. Und genau da liegt der Mehrwert, wenn man das Thema nicht als Makel, sondern als Einladung betrachtet. Welche Muster steuern mich? Wo bin ich wirklich frei und wo wiederhole ich nur etwas, das sich vertraut anfühlt? Suche ich Nähe, aber nur zu Menschen, die sie nicht geben können, damit ich mir später beweisen kann, dass es „eh nicht klappt“? Will ich eine Beziehung, aber nur, wenn sie keinerlei Unordnung in meinen perfekt organisierten Alltag bringt? Oder sage ich, ich sei gern allein, während ich eigentlich nur Angst habe, wieder enttäuscht zu werden? Diese Fragen sind nicht dazu da, sich zu verurteilen. Sie sind dazu da, sich selbst besser zu lesen.

Und schließlich ist das die wichtigste Botschaft, ganz ohne große Fachwörter. Niemand bleibt „für immer“ allein, weil er grundsätzlich falsch gebaut ist. Menschen bleiben allein, weil Wege sich nicht kreuzen, weil alte Schutzprogramme noch laufen, weil der Mut an einer bestimmten Stelle im Körper stecken bleibt, weil man sich selbst unterschätzt, weil man die falschen Orte aufsucht, weil man zu lange auf das perfekte Gefühl wartet oder einfach nur, weil man sich bewusst für ein Leben entscheidet, das allein schlicht besser passt. In all diesen Fällen ist Veränderung möglich, wenn man sie will, und Ruhe ist erlaubt, wenn man sie braucht. Liebe ist kein Wettkampf, in dem man zu spät dran sein kann, sondern eher ein Raum, der entsteht, wenn zwei Menschen sich nicht nur finden, sondern auch zulassen.

Und falls das jetzt nach schwerer Kost klingt, so gibt es auch eine tröstliche, fast heitere Wahrheit darin. Viele Dauer-Singles sind nicht „übrig geblieben“, sondern schlicht nicht in irgendeine Beziehung hineingestolpert, nur damit es nach außen stimmt. Sie haben sich, manchmal bewusst, manchmal unbewusst, nicht mit dem Erstbesten beruhigt. Das kann Einsamkeit bedeuten, ja. Aber es kann auch Integrität bedeuten. Und zwischen beiden liegt oft nur ein kleiner, mutiger Schritt mit weniger Selbstkritik, mehr ehrlicher Begegnung und ein bisschen mehr Spielraum für Unperfektes. Nicht, weil man sonst verloren ist, sondern weil man vielleicht entdecken könnte, dass Nähe nicht nur Risiko ist, sondern auch Entlastung. Und letztlich, dass man nicht kleiner wird, wenn man Platz macht, sondern manchmal erst dann merkt, wie groß man eigentlich ist.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel