Das Märchen vom Multitasking
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Es gehört zu den merkwürdigen Selbstverständlichkeiten unserer Zeit, dass wir glauben, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können. Kaum jemand stellt diese Annahme noch wirklich infrage. Sie steckt in Stellenanzeigen, in Selbstbeschreibungen von Führungskräften, in der Sprache der Produktivität. Multitasking gilt als Fähigkeit, fast schon als Ausweis geistiger Leistungsfähigkeit. Wer viele Dinge parallel bewältigt, scheint mit dem Tempo der Welt Schritt zu halten.

Doch je genauer man hinsieht, desto deutlicher zeigt sich ein leiser Widerspruch zwischen diesem Ideal und der Art, wie unser Denken tatsächlich funktioniert. Das menschliche Gehirn arbeitet nicht wie ein Orchester, das mehrere Melodien gleichzeitig trägt. Es gleicht eher einem sehr präzisen Einzelinstrument. Es kann erstaunlich schnell zwischen Aufgaben wechseln, aber es bleibt dabei stets bei einer Sache zur selben Zeit.

In der Forschung beschäftigt man sich seit Jahren mit diesem scheinbar einfachen, in Wahrheit aber komplexen Phänomen. Die Ergebnisse sind mittlerweile erstaunlich konsistent, denn das, was wir im Alltag Multitasking nennen, ist in Wirklichkeit ein sehr schnelles Umschalten der Aufmerksamkeit. Das Gehirn beendet eine Verarbeitungseinheit, beginnt die nächste, unterbricht sie wieder und kehrt zurück. Dieser Wechsel geschieht oft so rasch, dass er sich subjektiv wie Gleichzeitigkeit anfühlt. Tatsächlich ist er jedoch ein permanentes Neuordnen von Gedanken.

Dieses Umschalten ist keineswegs eine Schwäche. Im Gegenteil zeigt es, wie flexibel unser Denkorgan arbeitet. Doch jeder Wechsel verlangt eine kleine mentale Neujustierung. Das Gehirn muss Informationen neu sortieren, Prioritäten verschieben und sich wieder orientieren. Dieser Vorgang dauert nur Bruchteile von Sekunden, doch über den Tag hinweg summiert sich daraus eine erhebliche kognitive Belastung.

Interessanterweise lässt sich dieser Prozess durch Übung beschleunigen. Menschen, die häufig zwischen Aufgaben wechseln, entwickeln eine gewisse Routine darin. Sie reagieren schneller, machen weniger Fehler und wirken nach außen hin besonders effizient. Lange Zeit wurde daraus geschlossen, dass das Gehirn tatsächlich mehrere Dinge gleichzeitig verarbeiten könne. Heute weiß man, dass die Realität subtiler ist. Das Gehirn lernt nicht, parallel zu arbeiten. Es lernt lediglich, seine Reihenfolge zu optimieren.

Damit wird verständlich, warum Multitasking oft überraschend fragil ist. Solange Abläufe vertraut bleiben, funktioniert der Wechsel zwischen Aufgaben relativ reibungslos. Sobald sich jedoch etwas verändert, so beispielsweise ein neues Detail, eine ungewohnte Information oder eine zusätzliche Entscheidung, gerät dieser Rhythmus ins Wanken. Die Fehlerquote steigt, Reaktionen verzögern sich, und plötzlich wird spürbar, wie sehr Aufmerksamkeit eigentlich ein begrenztes Gut ist.

Diese Grenze zeigt sich besonders deutlich in Situationen, die Konzentration verlangen. Wer während eines Gesprächs gleichzeitig Nachrichten liest, merkt häufig erst später, dass Teile des Gesprächs unbemerkt geblieben sind. Wer versucht, beim Arbeiten ständig zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herzuspringen, erlebt oft ein Gefühl merkwürdiger geistiger Erschöpfung, obwohl keine einzelne Tätigkeit besonders anspruchsvoll war.

Das liegt daran, dass Aufmerksamkeit nicht einfach aufgeteilt werden kann wie Zeit oder Geld. Sie funktioniert eher wie ein Scheinwerfer. Richtet man ihn auf einen Punkt, wird dieser klar sichtbar. Verteilt man das Licht auf mehrere Stellen gleichzeitig, verliert jede einzelne an Schärfe.

Dabei entsteht ein paradoxes Bild unserer Gegenwart. Noch nie zuvor war der Mensch von so vielen Informationen umgeben. Nachrichten, Nachrichtenfenster, E-Mails, Chats, Benachrichtigungen, der Alltag gleicht einem ständigen Strom von Signalen. Gleichzeitig verlangt genau diese Informationsfülle nach einer Fähigkeit, die im modernen Leben fast altmodisch wirkt, und zwar die Konzentration.

Es ist bemerkenswert, wie schnell sich der kulturelle Blick auf Aufmerksamkeit verändert hat. Früher galt Konzentration als selbstverständlich. Heute muss sie oft bewusst geschützt werden. Viele Menschen entdecken erst nach einiger Zeit, dass produktives Arbeiten weniger mit Geschwindigkeit zu tun hat als mit der Fähigkeit, Störungen zu begrenzen.

Dabei ist das Gehirn keineswegs überfordert von Komplexität. Es kann erstaunlich tief denken, komplexe Zusammenhänge erfassen und kreative Lösungen entwickeln. Doch dafür benötigt es einen Moment der Ruhe im Strom der Reize. Denn Gedanken entfalten ihre Klarheit selten im ständigen Wechsel. Sie entstehen eher dort, wo Aufmerksamkeit eine Weile verweilen darf.

Eben darin könnte eine stille, aber wichtige Erkenntnis für den Alltag liegen. Zwar wirkt Multitasking nach außen hin effizient, doch es fragmentiert das Denken. Monotasking, ein Wort, das fast altmodisch klingt, erlaubt dagegen eine gedankliche Tiefe, also etwas, das im modernen Leben selten geworden ist.

Letztlich ist das menschliche Gehirn kein Hochleistungscomputer, der beliebig viele Prozesse parallel berechnet. Es ist ein empfindliches, hochentwickeltes Organ, das seine Stärke gerade in der Konzentration entfaltet. Es denkt Schritt für Schritt sowie Gedanke für Gedanke. Und schließlich liegt gerade in dieser scheinbaren Begrenzung möglicherweise seine größte Leistungsfähigkeit.

Das Märchen vom Multitasking

Wer alles gleichzeitig tun will, verliert oft genau das, was Denken wertvoll macht, nämlich Aufmerksamkeit. (KSC)

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel