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Ein Baby robbt sich dem Tischbein entgegen, ein Kleinkind entdeckt die Treppe, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit und die Welt scheint plötzlich steiler, höher, gefährlicher. Was wir als Erwachsene dann reflexhaft tun, ist klar, wir sichern, wir halten fest und wir bremsen. Wir nennen es zugleich Fürsorge. Vielleicht ist es das auch. Vielleicht ist es aber zugleich die eleganteste Form, eine Wahrheit zu verdecken, die unbequem klingt, dass die Kühnheit nicht in der Pubertät beginnt, sondern schon ganz am Anfang.

Unsere Erzählung vom Risiko ist ordentlich sortiert. Sie verortet Waghalsigkeit bei Jugendlichen, dort, wo Mopeds schneller werden, Grenzen getestet und Regeln verhandelt werden. Das passt gut zu Statistiken und noch besser zu unserer Intuition. Doch diese Ordnung beruht weniger auf Biologie als auf Blickwinkeln. Wir beobachten Jugendliche, weil wir sie lassen. Wir beobachten Babys nicht, weil wir es ihnen nicht erlauben. Was wir messen, ist Freiheit, nicht Mut.

Wer Kinder im Alltag betrachtet, erkennt rasch ein anderes Muster. Da ist das Kind, das immer wieder versucht, aufzustehen, obwohl der Boden rutschig ist. Da ist das Lachen nach dem Sturz, dieses kurze Erschrecken, gefolgt von der sofortigen Wiederholung. Es ist kein Trotz, kein Übermut. Es ist Forschung. Der eigene Körper ist das Labor, die Schwerkraft der Versuchsleiter.

Neuere Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung deuten darauf hin, dass frühe Lebensphasen biologisch darauf vorbereitet sind, Grenzen zu ertasten. Geringes Körpergewicht, flexible Knochen, eine erstaunliche Lernfähigkeit, all das wirkt wie ein Zeitfenster, in dem Ausprobieren günstiger ist als später. Risiko ist hier kein Unfall, sondern Methode.

Der Vergleich mit unseren nächsten Verwandten schärft den Blick. Dort wo das Klettern Alltag ist und Fallen Konsequenzen hat, zeigen sehr junge Individuen eine verblüffende Bereitschaft, etwas zu wagen. Nicht, weil sie den Tod nicht kennen, sondern weil Lernen ohne Wagnis nicht funktioniert. Interessant ist dabei weniger das Tierische als das Menschliche, denn unsere Kinder würden sich womöglich ähnlich verhalten, wenn wir ihnen den Raum ließen. Stattdessen umstellen wir sie mit Geländern, Helmen und gut gemeinten Rufen. Wir verschieben den Mut,  zeitlich und statistisch, nach hinten.

Das erklärt, warum Risiko beim Menschen später sichtbar wird. Nicht, weil es später entsteht, sondern weil es früher gebremst wird. Wenn die Aufsicht nachlässt, meldet sich etwas zurück, das lange stillgehalten wurde. Dann wirkt es plötzlich unkontrolliert, manchmal destruktiv. Dabei könnte es auch eine verspätete Übung sein. Wer nie gelernt hat, Höhe einzuschätzen, testet sie irgendwann ungeschickter. Wer nie fallen durfte, stürzt härter.

Das heißt nicht, dass Kinder sich selbst überlassen gehören. Es heißt auch nicht, dass Fürsorge falsch ist. Es heißt, dass Kontrolle und Entwicklung in einem feineren Verhältnis stehen, als wir es gern hätten. Vielleicht geht es weniger darum, jedes Risiko auszuschalten, und mehr darum, es klug zu dosieren. Räume zu schaffen, in denen Scheitern erlaubt ist, ohne gefährlich zu werden. Spielplätze, die nicht steril sind. Alltag, der kleine Abenteuer zulässt. Vertrauen, das nicht naiv ist, sondern lernbereit.

Interessanterweise verändert diese Perspektive auch unseren Blick auf Sicherheit. Sicherheit ist dann nicht die Abwesenheit von Risiko, sondern die Fähigkeit, mit ihm umzugehen. Wer früh lernt, den eigenen Körper, die eigene Angst, die eigene Grenze zu lesen, trägt diese Kompetenz weiter. Sie zeigt sich später nicht im Draufgängertum, sondern in Umsicht. Nicht im Sprung von der Klippe, sondern im Wissen, wann man stehen bleibt.

Vielleicht berührt uns diese Idee deshalb so stark, weil sie uns selbst betrifft. Viele Erwachsene kennen das Gefühl, vorsichtig geworden zu sein, nicht aus Weisheit, sondern aus Gewöhnung. Wir haben gelernt, Risiken zu vermeiden, bevor wir gelernt haben, sie zu verstehen. Und manchmal spüren wir, dass uns etwas fehlt, diese leise, körperliche Gewissheit, dass Scheitern Teil des Weges ist. Kinder erinnern uns daran, wie Lernen einmal begann, und zwar tastend, spielerisch und mutig.

Wenn wir ihnen heute zusehen, wie sie sich an der Welt hochziehen, wackeln, fallen und wieder aufstehen, sehen wir mehr als Niedlichkeit. Wir sehen eine Strategie des Lebens. Eine, die nicht laut ist, nicht spektakulär, aber erstaunlich klug. Die Kühnheit der Kleinsten ist keine Gefahr, die es zu zähmen gilt. Sie ist ein Versprechen, darauf, dass Sicherheit wachsen kann, wenn man ihr Raum gibt.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel