Der Mensch, der sich von außen beobachten kann<br>
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Wir haben Intelligenz lange am falschen Ort gesucht, mal im IQ, dann mal in Schulnoten oder eben mal in schnellen Antworten. Dabei zeigt sich die höchste Form von Intelligenz womöglich ganz woanders, nämlich in der Fähigkeit, sich selbst von außen zu betrachten. Viele Menschen leben, ohne es wirklich zu bemerken. Sie ärgern sich, werden traurig, treffen Entscheidungen, bereuen sie. Aber sie hinterfragen kaum, warum sie so handeln. Denn es fehlt schlicht die Distanz zum eigenen Denken. Ein Gedanke taucht auf, wird sofort für wahr gehalten  und bestimmt dann das Handeln. Genau hier entsteht der Unterschied unter manchen von uns.  Schließlich können einige innehalten und sich selbst beobachten. Sie fragen: „Warum denke ich das gerade?“
Diese Frage, die so unscheinbar wirkt, verändert alles. Denn man geht nicht mehr im eigenen Denken auf, sondern beginnt, es zu sehen.

Im Alltag zeigt sich das sehr deutlich darin, wenn dich im Straßenverkehr jemand schneidet und du sofort mit Ärger reagierst oder aber du bemerkst: „Werde ich deshalb gerade wütend?“ Oder wenn jemand nicht antwortet und du sofort glaubst, nicht wichtig zu sein, oder du dann schon im gleichen Moment erkennst, dass es nur ein Gedanke von dir ist. Und wenn dich mal eine Kritik trifft, dann ist es so, dass es entweder dich unmittelbar verletzt oder du  prüfst, ob sie wirklich dich betrifft oder eher die Perspektive des anderen? Und wenn du schließlich einen Fehler machst, verurteilst du dich dann oder kannst du sagen: „Ich fühle mich gerade schlecht, aber das wird vorübergehen?“

Genau hier beginnt letztlich der Unterschied.

Die meisten stellen sich diese Fragen nunmal nicht. Sie leben  und reagieren, und so wiederholen sich die gleichen Gefühle, gleichen Fehler und gleiche Muster immerzu. Wer sich jedoch von außen beobachten kann, unterbricht diesen Kreislauf. Nicht, weil Gedanken verschwinden, sondern weil sie erkannt werden.

Aus neurowissenschaftlicher Sicht wird in solchen Momenten ein Teil des Gehirns aktiv, der nicht reagiert, sondern nur beobachtet. Der Mensch ist dann nicht nur Handelnder, sondern zugleich Zeuge seines eigenen Erlebens. Genau hier setzt auch die Veränderung an, so dass automatische Reaktionen an Kraft verlieren, während alte Muster sich parallel langsam lösen.

Und doch bleibt es so selten, da viele dieselben Abläufe immer wieder durchlaufen, ohne sie je zu hinterfragen.

Der Mensch, der sich selbst beobachten kann, verändert sich hingegen und das sogar mit einer tiefen Verschiebung im Inneren. Die Intelligenz zeigt sich dann nicht mehr in der Schnelligkeit, sondern in der Klarheit, sich selbst zu sehen.

Daher ist die entscheidende Frage keine komplizierte, sondern eine, die danach fragt, ob ein jeder von uns noch in den eigenen Gedanken lebt oder ob man sich selbst schon von außen betrachten kann.

Der Mensch, der sich von außen beobachten kann<br>

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel