Leben wir vielleicht immer in der Vergangenheit?
Ständig hören wir von der Zeitmaschine, von Reisen in die Zukunft, von Sprüngen in die Vergangenheit oder von der Möglichkeit, Zeit zu verändern. Doch selten stellen wir eine viel einfachere Frage: „Was würde es eigentlich bedeuten, wenn eine Zeitmaschine wirklich existieren würde?“
Stellen wir uns dazu jetzt einmal Folgendes vor:
Du lebst heute. Jetzt. In diesem Moment. Dies ist deine Gegenwart. Dein Alltag. Deine Zeit.
Aber nehmen wir an, in tausend Jahren oder vielleicht noch viel später wird tatsächlich eine Zeitmaschine erfunden. Menschen aus dieser Zukunft könnten dann in unsere Zeit zurückreisen. In deine Zeit. In diesen Moment.
Doch selbst wenn wir ruhig darüber nachdenken, merken wir etwas Entscheidendes. Bis eine Zeitmaschine überhaupt erfunden werden könnte, vergeht sehr viel Zeit. Vielleicht unvorstellbar viel Zeit. Aber für die Zeitmaschine selbst spielt Zeit keine Rolle. Wenn sie irgendwann existiert und in unsere heutige Zeit zurückkommt, dann bleibt unsere Gegenwart trotzdem dieselbe.
Für dich ändert sich somit nichts. Dein Moment bleibt dein Moment.
Genau darin liegt ein Hinweis darauf, dass eine Zeitmaschine in Wirklichkeit nicht existiert oder nicht existieren kann. Denn selbst wenn sie in einer sehr fernen Zukunft erfunden würde und in unsere Zeit käme, würde sich deine Zeit nicht verändern. Deine Gegenwart bleibt bestehen.
Für dich ist es Gegenwart.
Für denjenigen, der aus der Zukunft kommt, ist es Vergangenheit.
Was bedeutet das?
Es bedeutet, dass dein heutiger Tag für dich noch erlebt wird, für den Reisenden jedoch bereits erlebt wurde. Dein Jetzt ist für ihn bereits Geschichte. Und wenn jemand aus einer noch ferneren Zukunft kommt, dann ist dein heutiger Tag vielleicht schon millionenfach Vergangenheit gewesen.
Wenn eine Zeitmaschine wirklich existiert hätte, dann wären alle Zeiten bereits miteinander verbunden. Gegenwart für den einen, Vergangenheit für den anderen und vielleicht Zukunft für jemanden ganz anderen.
Dann stellt sich eine neue Frage:
„Ist es überhaupt wichtig, in welcher Zeit du lebst?“
Denn wenn Zeitreisen möglich wären, dann existierten alle Zeiten gleichzeitig nebeneinander. Dann wäre dein heutiger Tag nicht nur ein einmaliger Moment. Er wäre ein Punkt, der immer wieder erreichbar wäre.
Wenn jemand in der Zukunft eine Zeitmaschine erfinden und in unsere Zeit zurückkehren würde, dann bliebe unsere Zeit immer zugänglich. Sie würde nicht verschwinden. Sie wäre wie ein Raum, der jederzeit betreten werden kann.
Für dich würde das bedeuten:
„Dein heutiger Tag existiert nicht nur einmal. Er existiert immer.“
Und wenn das so wäre, dann würde auch deine Existenz niemals vollständig verschwinden. Denn irgendwo, in irgendeiner Zeitlinie, wäre dieser Moment immer erreichbar.
Doch genau hier entsteht ein entscheidender Gedanke.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Grund. Eine Zeitmaschine kann nicht existieren, weil Zeit existiert. Solange Zeit vorhanden ist, bewegt sich alles in ihr und nicht außerhalb von ihr. Eine Zeitmaschine würde bedeuten, dass Zeit verlassen oder angehalten werden kann. Doch Zeit kann nicht verlassen werden, weil alles, was geschieht, innerhalb der Zeit geschieht.
Ohne Zeit gäbe es keine Bewegung zwischen Momenten. Doch genau diese Bewegung ist die Zeit selbst. Deshalb gibt es keine Zeitmaschine. Denn solange Zeit existiert, sind wir immer in ihr. Und wenn es eine Zeitmaschine gäbe, dürfte es eigentlich keine Zeit mehr geben.
Damit eine Zeitmaschine funktionieren könnte, müsste jede Zeit gleichzeitig und unveränderlich sein. Doch weil Zeit fließt und existiert, bleibt sie der Raum, in dem alles geschieht und nicht ein Ort, den man verlassen kann.
Noch etwas Entscheidendes wird dabei oft übersehen. Unsere Wahrnehmung.
Viele Menschen glauben, wir erleben alles im selben Moment. Doch in Wirklichkeit erleben wir immer die Vergangenheit.
Wenn wir einen Ton hören, hören wir ihn nicht in dem Moment, in dem er entsteht. Der Schall braucht Zeit, um unser Ohr zu erreichen. Erst danach hören wir ihn.
Wir hören also immer die Vergangenheit.
Dasselbe gilt für das Sehen. Damit wir etwas sehen können, muss Licht von einem Objekt zu unseren Augen gelangen. Dieses Licht braucht Zeit. Manchmal nur Sekundenbruchteile, manchmal Jahre, manchmal Millionen Jahre.
Wenn wir einen Stern oder einen fernen Planeten sehen, sehen wir ihn nicht so, wie er jetzt ist. Wir sehen ihn, wie er war. Vielleicht existiert er heute gar nicht mehr, doch sein Licht erreicht uns noch.
Wir sehen immer die Vergangenheit.
Selbst das Fühlen geschieht zeitverzögert. Wenn wir etwas berühren, braucht unser Nervensystem einen Moment, um das Signal an das Gehirn zu senden. Erst danach nehmen wir es wahr.
Wir fühlen die Vergangenheit.
Schall hat eine Geschwindigkeit.
Licht hat eine Geschwindigkeit.
Nervenimpulse haben eine Geschwindigkeit.
Alles braucht Zeit, um uns zu erreichen. Und in dieser Zeit wird Gegenwart bereits Vergangenheit. Wir erkennen die Existenz von Dingen immer erst, nachdem ihre Signale uns erreicht haben.
Das bedeutet, das wir die Welt nie exakt im selben Moment erleben, in dem sie geschieht. Wir erleben sie immer leicht verzögert. Immer rückblickend.
Ein Planet, den wir mit einem starken Teleskop beobachten, könnte längst verschwunden sein. Doch sein Licht reist weiterhin durch das Universum. Für uns ist er sichtbar, obwohl er vielleicht nicht mehr existiert.
Unsere Wahrnehmung täuscht uns nicht, aber sie kommt immer zu spät.
Wenn wir die Zeit exakt berechnen könnten, vom Moment, in dem Licht entsteht, bis zu dem Moment, in dem wir es sehen, könnten wir Entwicklungen und Veränderungen beobachten. Wir könnten sehen, was einmal war. Doch wir könnten nur sehen, nicht eingreifen, nicht daneben stehen, nicht teilnehmen.
Vielleicht suchen wir deshalb nach einer Zeitmaschine, weil wir glauben, wir könnten in die Vergangenheit reisen. Dabei leben wir längst in ihr.
Jeder Ton, den wir hören, ist Vergangenheit.
Jedes Bild, das wir sehen, ist Vergangenheit.
Jedes Gefühl, das wir wahrnehmen, ist Vergangenheit.
Vielleicht ist Zeit keine Strecke, auf der man vor und zurückfahren kann. Vielleicht ist sie nur ein Moment, den wir immer erst erkennen, wenn er bereits vergangen ist.
Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Erkenntnis.
Wir brauchen keine Zeitmaschine, um die Vergangenheit zu erleben.
Wir erleben sie jede Sekunde.


