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Es ist nicht böse gemeint. Dieser Satz fällt oft ganz am Anfang oder erst am Ende, manchmal beiläufig, manchmal wie eine Versicherung. Er schwebt über Gesprächen, die harmlos beginnen, und legt sich wie ein weicher Vorhang über das Gesagte. Nichts daran wirkt laut oder verletzend, eher selbstverständlich, fast freundlich. Und doch bleibt etwas zurück. Ein unwohles Gefühl, das schwer zu greifen ist. Nicht, weil etwas Falsches gesagt wurde, sondern weil sich im Ton, im Ablauf, im Raum zwischen den Worten etwas verschoben hat.

Was landläufig als Mansplaining bezeichnet wird, ist kein lautes Phänomen. Es ist subtil, oft gut gemeint, manchmal sogar freundlich verpackt. Und gerade deshalb so wirksam. Es zeigt sich in Situationen, in denen eine Frau spricht, Wissen teilt, Erfahrung einbringt und jemand das Bedürfnis verspürt, das Gesagte noch einmal neu zu ordnen, zu vereinfachen, zu erklären. Nicht aus Neugier, sondern aus einem inneren Reflex heraus. Als müsse das Gesagte erst durch einen anderen Mund gehen, um gültig zu sein.

Aktuelle sozialwissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass dieses Verhalten weniger mit individueller Arroganz zu tun hat als mit tief verankerten Kommunikationsmustern. Rollenbilder, die über Jahrzehnte gelernt wurden, wirken oft unbemerkt weiter. Wer gelernt hat, dass Autorität häufig männlich klingt, greift schneller zum erklärenden Tonfall. Wer gelernt hat, dass eigene Kompetenz infrage gestellt wird, hört genauer hin, wo sie übergangen wird. Das Spannende dabei ist, dass die meisten Beteiligten gar nicht merken, was gerade passiert. Und genau darin liegt der Kern des Problems.

Mansplaining ist kein Angriff, sondern eine Verschiebung. Der Raum im Gespräch verändert sich. Die Aufmerksamkeit wandert weg von der ursprünglichen Sprecherin hin zum Erklärenden. Inhalte werden wiederholt, vereinfacht, manchmal leicht verdreht, und plötzlich steht nicht mehr die Idee im Mittelpunkt, sondern die Deutungshoheit. Viele Frauen kennen dieses Gefühl sehr genau. Es ist dieses kurze Innehalten, wenn man merkt, dass man gerade nicht gehört, sondern überformt wird. Dass man sich erklären muss, obwohl man längst erklärt hat.

Interessant ist, dass Männer in ähnlichen Situationen oft gar keinen Impuls verspüren, sich gegenseitig Grundlagen zu erläutern. Dort wird ergänzt, widersprochen, diskutiert. Bei Frauen hingegen wird häufiger erklärt. Nicht aus Bosheit, sondern aus einem unterschwelligen Zweifel an Kompetenz, der kulturell mitgetragen wird. Die Forschung spricht hier von unbewussten Bias, also Denkabkürzungen, die unser Verhalten steuern, ohne dass wir sie aktiv wählen. Sie sind bequem, aber nicht harmlos.

Lebensnah zeigt sich das überall. In Meetings, in denen eine Idee erst dann Anklang findet, wenn sie ein Mann noch einmal zusammenfasst. In Gesprächen über Technik, Politik oder Finanzen, bei denen plötzlich Grundlagen erläutert werden, die längst bekannt sind. Oder im privaten Umfeld, wenn Erfahrungen relativiert oder neu eingeordnet werden, obwohl sie aus erster Hand stammen. Das Absurde daran ist, je sachlicher und ruhiger die Frau reagiert, desto unsichtbarer wird oft ihr Widerstand. Und je selbstverständlicher der erklärende Ton ist, desto normaler erscheint er.

Dabei geht es nicht darum, Erklären zu verbieten. Wissen teilen ist etwas Wertvolles. Problematisch wird es dort, wo Erklären zur Einbahnstraße wird, wo Zuhören durch Reden ersetzt wird und wo Kompetenz nicht erkannt, sondern voraussetzungslos neu verteilt wird. Die moderne Forschung betont zunehmend die Bedeutung von dialogischer Kommunikation. Gespräche, in denen Wissen nicht verteilt, sondern gemeinsam entwickelt wird, sind nachweislich produktiver, respektvoller und nachhaltiger.

Was sich daraus ableiten lässt, ist keine moralische Anklage, sondern eine Einladung zur Selbstbeobachtung. Der kurze Moment vor dem Erklären. Die Frage, ob wirklich eine Erklärung gebraucht wird oder ob ein Zuhören hilfreicher wäre. Für viele Männer ist das eine neue Perspektive, für viele Frauen eine vertraute Hoffnung. Wenn Gespräche weniger Raum einnehmen wollen und mehr Raum geben würden, entstünde etwas Neues, nämlich ein Austausch anstelle einer Überformung.

Vielleicht liegt genau hier der eigentliche Mehrwert dieser Debatte. Sie zwingt nicht zur Positionierung, sondern zur Achtsamkeit. Sie macht sichtbar, wie Sprache wirkt, wie Macht sich verteilt und wie leicht man selbst Teil eines Musters wird, das man eigentlich hinterfragen möchte. Wer beginnt, genauer hinzuhören, entdeckt oft, dass Wissen nicht lauter wird, wenn man es wiederholt, sondern klarer, wenn man es teilt.

Am Ende bleibt kein Schlagwort, sondern ein Gefühl. Das Gefühl, ernst genommen zu werden. Und das ist etwas, das keine Erklärung braucht.

Von Selma Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel