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Wenn eine Frau nach einem schweren Konflikt Hals über Kopf ihre vertraute Umgebung verlässt und bei einer nur flüchtig bekannten Person Zuflucht sucht, wirkt das von außen oft widersprüchlich oder sogar unvernünftig. Psychologisch ist dieser Schritt jedoch durchaus gut erklärbar. Er entspricht nämlich einer typischen Stressreaktion. In bedrohlichen Situationen schaltet das Gehirn in einen Überlebensmodus,  fight, flight oder freeze. Die Entscheidung, wegzugehen, ist in diesem Moment keine kalkulierte Strategie, sondern ein reflexhafter Schutzmechanismus. Denn Distanz senkt kurzfristig das Bedrohungsgefühl und verschafft Luft zum Atmen.

Die Forschung zu akuten Belastungsreaktionen zeigt jedoch auch, dass räumlicher Abstand allein selten zu echter Stabilisierung führt. Er reduziert zwar den unmittelbaren Druck, löst aber weder Beziehungskonflikte noch rechtliche Fragen oder innere Bindungen. Bleibt der Gefühlszustand nach mehreren Tagen unverändert angespannt, ist das ein bedeutsames Signal, dass die Person sich weiterhin unsicher fühlt, entweder weil die äußeren Bedingungen unklar sind oder weil traumatische Erfahrungen aktiviert bleiben. In solchen Fällen reicht private Unterstützung in der Regel nicht aus; professionelle Begleitung wird zentral, um aus dem emotionalen Stillstand herauszukommen.

Die Lage wird komplexer, sobald ein Kind betroffen ist. Für Kinder sind Vorhersehbarkeit, Schule, stabile Beziehungen und klare Routinen zentrale Schutzfaktoren. Längere Abwesenheit aus ihrem gewohnten Umfeld kann Stress, Loyalitätskonflikte und Verunsicherung verstärken,  unabhängig davon, in welchem Land oder in welcher Stadt sie sich befinden. Zugleich steht die Mutter vor einem Dilemma. Denn sie braucht Zeit zur Stabilisierung, während das Kind aber schnelle Klarheit benötigt. Dieses Spannungsfeld erklärt viele scheinbar widersprüchliche Entscheidungen in Krisensituationen.

Ein häufiges Muster ist deshalb kein planvolles „Neuanfangen“, sondern ein Schwebezustand, in dem die Mutter weit weg ist, das Kind aus dem Alltag herausgerissen ist, und niemand sich wirklich sicher fühlt. Genau hier kippt eine verständliche Auszeit in eine riskante Verlängerung der Krise.

Psychologisch sinnvoll ist daher weniger die Frage „Wo bleibe ich?“, sondern „Wie stelle ich wieder Sicherheit und Struktur her?“, für sich selbst und für das Kind. Das kann je nach Situation sehr unterschiedlich aussehen. So kann es manchmal bedeuten, vorübergehend in eine Schutzunterkunft zu gehen, manchmal, professionelle Beratung aufzusuchen, manchmal, rechtliche Schritte einzuleiten, und in vielen Fällen, den Alltag des Kindes so schnell wie möglich wiederherzustellen.

Wichtig ist dabei, dass die Rückkehr in die vertraute Umgebung, egal ob Heimatstadt oder Herkunftsland, nicht automatisch ein Zurück in die alte Problematik ist. Sie kann vielmehr ein bewusster, vorbereiteter Schritt sein mit gesicherten Beweisen, klaren Schutzmaßnahmen, rechtlicher Beratung und einem Plan für das Kind. In diesem Sinne ist Rückkehr kein Scheitern, sondern eine Form von Selbststeuerung.

Auch die Rolle der Gastgeberin oder Freundin verdient Beachtung. Empathie ist wertvoll, doch die Forschung zu sekundärer Belastung zeigt, dass Menschen, die über längere Zeit Krisen anderer tragen, selbst emotional erschöpft werden können. Verantwortungsvolle Hilfe bedeutet daher nicht, unbegrenzt Raum zu geben, sondern Brücken zu professioneller Unterstützung zu bauen und gleichzeitig klare Grenzen zu setzen. Grenzen sind kein Mangel an Mitgefühl, ganz im Gegenteil, sie sind Teil einer guten Begleitung.

Was lässt sich daraus verallgemeinern?

Erstens ist das Weggehen in einer akuten Krise menschlich und nachvollziehbar.
Zweitens ist der Stillstand über mehrere Tage ein Warnsignal, das professionelle Hilfe erfordert.
Drittens ist eine schnelle Rückkehr zu einer Struktur für Kinder meist der wichtigste Schutzfaktor.
Viertens stärken informierte, vorbereitete Entscheidungen,  nicht jedoch die impulsiven Reaktionen, die Position der Mutter, sowohl emotional wie auch rechtlich.

Frauen in ähnlichen Lagen sollten daher wissen, dass es keinen perfekten Weg durch eine Krise gibt. Fehler im Moment der Überforderung sind normal. Entscheidend ist, was danach folgt, ob man Hilfe annimmt, Informationen sammelt und kleine, konkrete Schritte geht.

Mut zeigt sich nicht nur im Weggehen. Er zeigt sich vor allem darin, Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung zu suchen und den nächsten Schritt bewusst zu wählen.

Und dieser nächste Schritt darf klein sein, so wie ein Beratungstermin, ein Arztbesuch, ein Gespräch mit der Schule, ein rechtlicher Rat, eine klare Entscheidung über Unterkunft und nahe Zukunft.

Freiheit beginnt dort, wo Angst nicht mehr allein entscheidet, sondern Klarheit, Schutz und Struktur wieder Raum bekommen.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel