Werbung
Werbung

Was geschieht, wenn ein Kind dank einer Brille zum ersten Mal klar sieht, wenn eine Ärztin mit einem kleinen Eingriff Leben rettet oder wenn ein Team gemeinsam eine Herausforderung löst, die keiner allein bewältigt hätte? Die Momente zeigen uns, dass das, was uns trägt, längst nicht mehr nur im Erbgut verankert ist. Immer stärker ist es die Kultur, die entscheidet, wer wir sind, was wir können und wohin wir gehen.

Dabei war es doch am Anfang noch ganz anders. Überleben hing davon ab, ob jemand körperlich widerstandsfähig war, ob er schneller laufen konnte oder besser mit Krankheiten zurechtkam. Gene waren die Eintrittskarte ins Leben. Doch mit jedem Werkzeug, das erfunden wurde, mit jeder Geschichte, die weitergegeben wurde, und mit jeder Technik, die man lernte, verschob sich das Gleichgewicht. Wissen und Erfahrung ließen sich weiterreichen, ohne dass man auf die nächste Generation warten musste. Kultur war wie eine zweite Form der Vererbung, aber viel schneller und flexibler.

Heute zeigt sich dieser Wandel stärker. Brillen und Kontaktlinsen machen schlechte Augen zu einer Nebensache, medizinische Eingriffe überwinden Grenzen, an denen früher das Leben endete, und digitale Werkzeuge vernetzen Millionen Menschen in Echtzeit. Der entscheidende Punkt ist, dass viele körperliche Unterschiede kaum noch darüber entscheiden, wer bestehen kann. Stattdessen ist es das Zusammenspiel mit anderen, das Lernen, die Organisation des Alltags und das Nutzen gemeinsamer Systeme.

Kultur wirkt dabei wie ein riesiges Gedächtnis, das nicht nur im Kopf einer einzelnen Person steckt, sondern in Schulen, Bibliotheken, Netzwerken, Gesetzen und sogar in einfachen Gewohnheiten. Jeder von uns greift täglich darauf zurück, ob beim Busfahrplan, beim Online-Banking oder bei der Impfung. Es ist, als hätte die Menschheit ein kollektives Gehirn geschaffen, das viel schneller arbeitet, als Gene sich verändern können.

Das hat schließlich Folgen, die wir nicht übersehen sollten. Fruchtbarkeit, Familienplanung, Karrierewege, all das hängt in modernen Gesellschaften weniger von der Biologie ab, sondern viel stärker von Erwartungen, Rollenbildern, Zeit und Geld. Auch die großen Institutionen, die wir selbstverständlich nutzen, sind Produkte von Kultur, wie beispielsweise die Krankenhäuser, Universitäten, Supermärkte oder Sportvereine. Sie sind wie die Verlängerungen unserer eigenen Fähigkeiten.

Doch dort, wo Kultur unser Überleben sichert, entstehen auch neue Abhängigkeiten. Algorithmen können uns beeinflussen, schlechte Systeme können uns erschöpfen, unfaire Regeln können uns lähmen. Der Unterschied zur Biologie aber ist, dass die Kultur sich ändern lässt. Wir können Regeln neu schreiben, Strukturen umbauen und Fehler korrigieren. Das gibt uns eine Freiheit, die keine Generation vor uns in diesem Ausmaß hatte.

Vielleicht liegt aber gerade darin unsere Verantwortung. Wir sind nicht mehr nur ein Spielball der Natur, sondern selbst Gestalter unserer Evolution. Wenn wir Bildung so organisieren, dass sie Freude weckt, wenn wir Städte so planen, dass sie uns gesund halten, wenn wir Arbeit so strukturieren, dass sie Sinn statt Erschöpfung stiftet, dann legen wir fest, welche Richtung diese Entwicklung nimmt.

Gene bleiben das Fundament, doch Kultur ist das Haus, in dem wir wohnen. Und dieses Haus können wir umbauen, Fenster öffnen, Räume teilen, Gemeinschaft entstehen lassen. Ob wir darin Enge oder Freiheit, Kälte oder Wärme erleben, hängt letztlich davon ab, wie wir es gestalten. Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft unserer Zeit, nämlich dass wir gelernt haben, unser Schicksal nicht nur zu erben, sondern es gemeinsam zu bauen.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel