Selten beginnt es mit einem energischen „Jetzt aber!“, sondern eher mit diesem einen Moment, in dem man die Küchenschublade öffnet und sie sich weigert, zuzugehen. Ein Stift klemmt, eine alte Batterie rollt dazwischen, ein Zettel mit einer längst vergessenen Telefonnummer schaut vorwurfsvoll hervor. Nichts Dramatisches und doch liegt darin ein seltsames Gefühl von Überforderung, das größer ist als der Gegenstand selbst. Ordnung beginnt selten mit Systemen. Sie beginnt mit Unbehagen.
Dass uns Unordnung belastet, ist inzwischen gut belegt. Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit, klare Reize, Strukturen, die Energie sparen. Chaos dagegen fordert ständig Aufmerksamkeit, selbst wenn wir glauben, es auszublenden. Jeder Stapel, jeder volle Keller, jede Kiste mit dem Etikett „Vielleicht irgendwann“ sendet kleine Signale: „Da ist noch etwas offen. Da wartet etwas.“ Das kostet Kraft, ohne dass wir es bewusst merken. Und genau deshalb fühlt sich Aufräumen oft nicht nach Befreiung an, sondern nach Arbeit, nach Abschied, manchmal sogar nach innerem Widerstand.
Denn Dinge sind selten nur Dinge. Sie sind Erinnerungen in Stoffform, Entscheidungen in Papier, Hoffnungen aus Plastik. Die Hose, die man seit Jahren nicht trägt, erzählt von einem Körper, der einmal anders war oder anders sein sollte. Der kaputte Toaster steht für den Gedanken, man könne ihn ja noch reparieren, irgendwann, wenn Zeit ist, wenn Ruhe einkehrt. Und der Keller, dieser legendäre Ort des Aufschiebens, ist oft weniger ein Lagerraum als ein Archiv ungelöster Lebensabschnitte. Ordnung heißt deshalb nicht nur sortieren, sondern auswählen. Und auswählen heißt immer auch verzichten.
Aktuelle psychologische Erkenntnisse zeigen, dass es Menschen leichter fällt, loszulassen, wenn sie klein anfangen. Nicht, weil die Schublade objektiv wichtiger wäre als der Dachboden, sondern weil sie überschaubar ist. Das Gehirn mag erreichbare Ziele. Eine Schublade verspricht ein Ende, ein sichtbares Ergebnis, einen kurzen Moment von Kontrolle. Dieser Moment wirkt stärker, als man denkt. Er aktiviert Belohnungssysteme, senkt Stress, vermittelt Selbstwirksamkeit. Man hat etwas getan. Und man spürt es.
Dabei geht es nicht um sterile Perfektion oder um Wohnungen, die aussehen, als würde dort niemand leben. Ordnung ist kein Instagram-Zustand. Sie ist hochgradig individuell. Für manche bedeutet sie freie Flächen und leere Regale, für andere eine nachvollziehbare, liebevoll sortierte Fülle. Entscheidend ist nicht, wie es aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Studien deuten darauf hin, dass Menschen sich in Räumen wohler fühlen, die ihre innere Ordnung widerspiegeln, nicht die der Wohnzeitschrift, sondern die eigene.
Interessant ist auch, dass Ordnung oft dann besonders schwerfällt, wenn das Leben insgesamt unruhig ist. In Phasen von Veränderung, Trauer, Stress oder Überforderung wächst der Wunsch nach Kontrolle, gleichzeitig sinkt die Energie, sie umzusetzen. Das führt zu einem paradoxen Zustand. Man sehnt sich nach Klarheit, schafft aber weiteres Chaos. Wer das kennt, muss sich nicht schämen. Es ist ein menschlicher Mechanismus. Ordnung entsteht nicht aus Druck, sondern aus innerer Stabilität. Manchmal ist das größte Aufräumen deshalb, erst einmal nichts wegzuwerfen, sondern sich selbst wieder Raum zu geben.
Und dann gibt es noch diese hartnäckige Idee, dass alles, was Geld gekostet hat, auch bleiben muss. Als wäre Wegwerfen gleichbedeutend mit Versagen. Doch psychologisch betrachtet ist das Festhalten an ungenutzten Dingen oft ein Versuch, vergangene Entscheidungen nachträglich zu rechtfertigen. Die Erkenntnis, dass etwas seinen Zweck erfüllt hat und nun gehen darf, ist kein Verlust, sondern ein Abschluss. Ordnung entsteht dort, wo man sich erlaubt, dass Dinge eine Zeit hatten, und dass diese Zeit vorbei ist.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert des Aufräumens nicht im leeren Regal, sondern in der leisen Klarheit, die danach bleibt. In dem Gefühl, dass man sich entschieden hat. Dass man nicht alles behalten muss, um vollständig zu sein. Dass Raum nicht nur fehlt, sondern auch entsteht. Ordnung ist dann kein Ziel mehr, sondern ein Prozess, der sich mit dem Leben verändert. Mal chaotischer, mal klarer, aber immer im Dialog mit dem, was gerade wichtig ist.
Und vielleicht reicht es heute, diese eine Schublade zu schließen. Nicht perfekt. Aber bewusst.


