Warum das Vertraute oft gewinnt
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Manche Entscheidungen treffen wir, weil wir überzeugt sind. Andere Entscheidungen treffen wir, weil wir sie schon einmal getroffen haben. Der Unterschied wirkt zwar unscheinbar, beinahe harmlos, und doch liegt genau darin eine der unbemerkten Kräfte, die unser Denken formen. Es ist nicht der große Irrtum oder die Fehleinschätzung, sondern die schlichte Wiederholung.

Wir Menschen halten uns schon gern für vernünftig, für abwägend und selbstverständlich auch für lernfähig. Und zweifellos sind wir das alles. Doch zwischen Information und Entscheidung liegt ein schmaler, oft unsichtbarer Grat, auf dem Gewohnheit ihr eigenes Werk verrichtet. Was wir häufiger wählen, erscheint uns vertrauter. Was uns vertrauter wirkt, erscheint uns wiederum richtiger. Und was sich richtig anfühlt, wird erneut gewählt. Ein Kreislauf, der so unspektakulär ist, dass er kaum auffällt und gerade deshalb so wirksam bleibt.

Die aktuelle psychologische Forschung beschreibt diesen Mechanismus nüchtern, wonach die Wiederholung allein schon die Präferenzen verändern kann. Nicht weil eine Option objektiv besser ist, sondern weil sie häufiger aktiviert wurde. Denn unser Gehirn speichert nicht nur Ergebnisse, sondern auch Wege. Jeder gedankliche Pfad, den wir öfter beschreiten, wird leichter zugänglich. Neurowissenschaftlich betrachtet bedeutet das, dass die Wiederholung die neuronalen Verbindungen verstärkt. Kognitiv bedeutet es, dass das Bekannte einen Vorsprung gewinnt.

Das erklärt mehr, als uns vielleicht lieb ist, warum wir immer wieder zum selben Produkt greifen, obwohl daneben etwas Attraktiveres steht. Warum wir in Diskussionen jene Argumente bevorzugen, die wir schon einmal formuliert haben. Oder aber warum sich politische Überzeugungen verfestigen, nämlich nicht unbedingt durch bessere Belege, sondern durch häufigere Wiederholung. Oder warum selbst kluge Menschen an Entscheidungen festhalten, obwohl Alternativen objektiv vorteilhafter wären.

Interessant ist dabei weniger, dass wir Gewohnheitstiere sind, denn das wissen wir längst alle. Spannender ist, wie subtil diese Gewohnheit unser Urteil beeinflusst. Studien zeigen, dass Menschen eine Option als wahrscheinlicher oder erfolgversprechender bewerten,  wenn sie sie zuvor öfter gewählt haben. Die Wiederholung färbt also die Einschätzung. Sie verschiebt somit nicht nur das Verhalten, sondern auch die Überzeugung.

Das hat eine beinahe poetische, aber zugleich ernüchternde Logik. Wir formen unsere Präferenzen nicht ausschließlich durch Qualität, sondern durch Frequenz, und nicht nur durch Beweise, sondern auch durch Vertrautheit. Das Gehirn liebt nunmal das, was es kennt. Es spart Energie, reduziert Unsicherheit und erzeugt ein Gefühl von Kontrolle. Und dieses Gefühl wird schnell mit Richtigkeit verwechselt.

Im Alltag zeigt sich das sehr oft unauffällig, so etwa in immer der gleichen Route zur Arbeit, der wiederkehrenden Art zu argumentieren, dem vertrauten Gedanken über sich selbst „Ich bin eben so.“ Mit jeder Wiederholung wird er stabiler. Nicht zwingend wahrer, aber stabiler. Wer sich oft genug sagt, er sei schlecht im Präsentieren, wird irgendwann nicht nur nervös sein, sondern überzeugt davon, ungeeignet zu sein. Die Gewohnheit der Selbstbeschreibung wird zur Identität.

Ökonomisch betrachtet widerspricht das der Vorstellung vom durchgängig rational kalkulierenden Menschen. Psychologisch betrachtet fügt es sich nahtlos ein in das Bild eines Wesens, das Komplexität reduziert, indem es Muster stabilisiert. Eine Wiederholung ist schließlich  eine Abkürzung. Sie entlastet das Denken, schafft Konsistenz,  und Konsistenz fühlt sich letztlich sicher an.

Dabei ist Wiederholung keineswegs nur ein Risiko. Sie ist auch eine Grundlage von Lernen, von Können und von Verlässlichkeit. Denn ohne die Wiederholung gäbe es keine Routine, keine Meisterschaft und keine Stabilität. Das Problem beginnt erst dort, wo sie unbemerkt zur Bewertungsgrundlage wird, wo „oft gewählt“ sich unbewusst in „besser“ verwandelt.

Für uns liegt darin jedoch eine Einladung zur Selbstbeobachtung. Nicht im Sinne ständiger Selbstkritik, vielmehr im Sinne einer feinen Aufmerksamkeit mit konktreten Fragen: „Wähle ich gerade, weil ich überzeugt bin oder weil ich es gewohnt bin? Halte ich an dieser Meinung fest, weil sie gut begründet ist oder weil sie vertraut klingt?“ Diese Fragen sind unbequem, aber sie öffnen einen Raum.

Diese Erkenntnis bekommt für uns ein zusätzliches Gewicht, da immer mehr Algorithmen unser Verhalten analysieren können. Denn dgitale Systeme funktionieren nach ähnlichen Prinzipien, indem das, was häufig geklickt wird, auch häufiger gezeigt wird. Was häufiger gezeigt wird, wird wiederum vertrauter. Und was vertrauter ist, wird wahrscheinlich erneut gewählt. Menschliches Gehirn und maschinelle Logik treffen sich hier in einer Schleife der Wiederholung. Wer sie erkennt, gewinnt ein Stück Autonomie zurück.

Die eigentliche Stärke liegt also möglicherweise nicht darin, jede Gewohnheit aufzubrechen, sondern sie bewusst zu wählen. Manche Routinen tragen uns,  andere aber engen uns ein. Der Unterschied zeigt sich selten im ersten Impuls, sondern vielmehr im zweiten Blick, in der Bereitschaft, gelegentlich eine andere Option ernsthaft zu prüfen, und das nicht aus Rebellion, sondern aus Neugier.

Die Macht der Wiederholung erinnert uns sehr stark daran, dass Entscheidungen nicht nur Momentaufnahmen sind, sondern tatsächlich ihre Spuren hinterlassen. Jede Wahl bereitet daher die nächste vor. Jede Wiederholung formt ein Stück mehr die Wahrnehmung. Und wer das weiß, kann beginnen, bewusster zu entscheiden, welche Spuren er vertiefen möchte.

Sind wir also vielleicht weniger der rein rationale Entscheider, als wir glauben? Möglicherweise schon, aber wir sind auch nicht bloß Gefangene unserer Gewohnheiten. Denn zwischen Automatismus und Reflexion liegt ein besonderer Spielraum. Ihn wahrzunehmen, ist schließlich der erste Schritt und vielleicht zugleich die spannendste Entscheidung von allen.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel