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Wer kennt es nicht? Da hört man sich Ratschläge an, nickt vielleicht sogar, bedankt sich höflich und innerlich steht längst fest, dass man es anders machen wird. Nicht aus Trotz, nicht aus Arroganz, eher, weil etwas in einem den Stift nicht aus der Hand geben will. Entscheidungen sind für viele Menschen kein Abwägen im klassischen Sinn, sondern ein Besitzanspruch, dass man denkt, dass es das eigene Leben sei, ergo entscheidet man sich auch so, wie man es selbst für richtig hält.

Interessant ist, wie früh dieses Muster anfängt. Manchmal sieht man es schon bei Kleinigkeiten, so zum Beispiel beim Essen im Restaurant, wenn alle „nimm doch das, das ist besser“ sagen  und man trotzdem genau das bestellt, worauf man zuerst gezeigt hat. Oder beim Outfit, wenn die Freundin meint, die andere Jacke mache mehr her, und man sich dennoch für die entscheidet, die sich nach einem selbst anfühlt. Im Alltag wirkt das harmlos, fast charmant. Doch je größer die Themen werden, so wie ein Jobwechsel, die Beziehung, Geld, Wohnort, Ausbildung, Gesundheit, desto mehr wird aus dieser stillen Autonomie ein richtiges inneres System. Und dieses System hat Gründe.

Ein Grund ist simpel und gleichzeitig zutiefst menschlich, nämlich die Kontrolle, die beruhigt. Wer selbst entscheidet, spürt einen feinen, warmen Druck im Brustkorb, so eine Art „Ich bin am Steuer“. Die Forschung rund um Autonomie und Motivation beschreibt seit Jahren, dass Menschen nicht nur Ergebnisse wollen, sondern auch das Gefühl, Urheber des Weges zu sein. Selbst wenn der Weg holprig ist, so ist er unser Weg. Und genau dieses Urhebergefühl ist schwer zu ersetzen. Ein fremder Rat kann noch so klug sein, er bleibt ein geliehener Mantel, der oft nicht richtig sitzt, weil er nicht nach unserer Haut riecht.

Dazu kommt etwas, das man im Alltag ständig beobachten kann, wenn man einmal darauf achtet, dass nämlich das Gehirn nicht so gebaut istwie ein neutraler Gerichtshof, der Fakten sammelt und ein Urteil spricht. Es ist eher wie ein geschickter Pressesprecher, der schon eine Tendenz hat und dann Argumente findet, die diese Tendenz gut aussehen lassen. Das passiert nicht, weil wir „schlecht“ denken, sondern weil Denken Energie kostet. Unser Kopf liebt Abkürzungen, liebt Muster, liebt das Gefühl von Stimmigkeit. Sobald eine Entscheidung sich „rund“ anfühlt, beginnt eine leise Sortierarbeit, und so werden Informationen, die passen, viel heller. Andererseits werden Informationen, die stören, viel schwächer. Man merkt das, wenn man eine Meinung zu einem Menschen hat und plötzlich nur noch die Details wahrnimmt, die sie bestätigen  oder wenn man bei einer großen Anschaffung schon innerlich gekauft hat und dann nur noch nach Gründen sucht, warum es vernünftig ist.

Und dann ist da noch die Müdigkeit, die niemand gern zugibt. Denn zu viele Ratschläge können einen regelrecht erschöpfen. Nicht, weil Menschen böse beraten, sondern weil jede zusätzliche Stimme ein weiteres inneres Fenster öffnet, das man irgendwie schließen muss. Experten, Eltern, Freundeskreis, Social Media, Podcasts, Vergleichsseiten, KI, Erfahrungsberichte, das alles klingt nach Hilfe, fühlt sich aber schnell an wie ein Raum, in dem zwanzig Leute gleichzeitig reden. Irgendwann greift das Gehirn zu einer Notlösung, die sehr erwachsen wirkt, aber oft einfach ein Energiesparmodus ist: „Ich mache jetzt das, was sich am einfachsten anfühlt, nämlich das, was ich sowieso wollte.“ In der Psychologie wird dieses Phänomen im Umfeld von Entscheidungserschöpfung beschrieben, die Qualität der Entscheidung sinkt nicht immer, aber die Geduld für gründliches Abwägen definitiv.

Besonders spannend und ein bisschen traurig ist die Frage, warum Menschen eigene Fehler leichter ertragen als fremde. Es gibt etwas Tröstliches daran, sich selbst scheitern zu sehen, weil man dann wenigstens sagen kann: „Ich habe es versucht, ich habe es entschieden.“ Folgt man hingegen einem Rat und es geht schief, fühlt es sich schnell an, als hätte man sein Leben kurz aus der Hand gegeben. Genau deshalb klammern sich manche Menschen so stark an die eigene Entscheidung. Nicht, weil sie glauben, immer recht zu haben, sondern weil sie den Schmerz vermeiden wollen, im Nachhinein das Gefühl zu haben, sich selbst verraten zu haben.

Trotzdem wäre es zu einfach, das Ganze nur als Schutzmechanismus zu sehen. Denn manchmal ist dieses „nie auf andere hören“ tatsächlich ein Ausdruck von Stärke. Menschen, die gewohnt sind, Verantwortung zu tragen für sich, für Kinder, für Teams, für ein Projekt, entwickeln oft einen inneren Kompass, der nicht jeden Windstoß als Richtungswechsel missversteht. Sie haben gelernt, wenn man bei jeder Meinung sofort umschwenkt, zerfasert man. Wer konsequent bleibt, baut etwas auf. In diesem Sinn kann Eigensinn eine Art Rückgrat sein, nicht stur im Sinne von „egal was“, sondern standfest im Sinne von „ich prüfe und entscheide dann“.

Die Grenze zwischen Standfestigkeit und Blindheit ist allerdings dünn, und sie verläuft selten dort, wo man sie gern hätte. Ein guter Hinweis darauf, dass es kippt, ist nicht die Lautstärke, mit der jemand seine Entscheidung verteidigt, sondern die Empfindlichkeit gegenüber Widerspruch. Wenn schon ein freundliches „Hast du das auch bedacht?“ als Angriff wirkt, dann ist oft nicht die Entscheidung das Problem, sondern die Angst, dass das eigene Urteil wackeln könnte. Und hier wird es psychologisch richtig interessant, da manche Menschen nicht deshalb nicht auf andere hören, weil sie übermäßig selbstsicher sind,  sondern weil sie innerlich unsicher sind und sich durch Fremdmeinungen bedroht fühlen. Widerspruch wird dann nicht als Ergänzung erlebt, sondern als Gefahr. So wird aus Beratung ein Kampfplatz, aus Austausch ein Machtspiel.

Ein weiterer Punkt, den die aktuelle Forschung zu Urteilen und Intuition immer wieder andeutet, ist diese merkwürdige Verführungskraft von „Es fühlt sich richtig an“. Gefühle sind schnelle Systeme, und sie sind oft erstaunlich klug, weil sie Erfahrung bündeln, so wie ein komprimierter Ordner aus tausend Situationen. Intuition kann ein Kurzfilm sein, in dem die wichtigsten Muster bereits abgespielt werden, bevor der Verstand überhaupt die Popcorntüte öffnet. Aber Intuition ist eben kein reines Wissen, sondern eine Mischung aus Erfahrung, Stimmung, Erwartung, Gewohnheit und manchmal schlicht Tagesform. An einem müden Tag fühlt sich Sicherheit anders an als an einem mutigen. In einer Phase, in der man verletzt ist, klingt „Schutz“ plötzlich wie „Wahrheit“. Und dann kann das Bauchgefühl sehr überzeugend lügen, ohne dass man es merkt,  nicht boshaft, sondern charmant, weil es uns beruhigen will.

Was also tun, ohne in diese typische Ratgeber-Schiene zu rutschen, die am Ende doch nur neue Regeln erzeugt? Vielleicht hilft ein Perspektivwechsel. Es geht nicht darum, ob man auf andere hört oder nicht. Es geht darum, wie man zuhört. Viele Menschen hören Ratschläge wie Befehle und wehren sich reflexartig. Aber ein guter Rat ist kein Kommando, sondern ein Spiegel. Er zeigt eine mögliche Sicht auf die Welt, nicht die Welt selbst. Sobald man Ratschläge als Material statt als Urteil versteht, verändert sich alles. Man kann dann innerlich sagen: „Interessant. Das ist ein Stein für meine Entscheidung, nicht die ganze Mauer.“

Ein praktischer Mehrwert entsteht genau an dieser Stelle: Statt sich vorzunehmen, „mehr auf andere zu hören“ (was sich für autonome Menschen anfühlt wie eine Drohung), kann man sich eine Form des Gegenchecks angewöhnen, die die eigene Selbstbestimmung respektiert. Nicht die Frage „Was soll ich tun?“, sondern: „Was übersehe ich gerade?“ Das ist eine viel feinere, erwachsenere Frage  und sie lässt einem die Steuerung, ohne den Blick zu verengen. Man bittet nicht um eine Entscheidung, man bittet um blinde Flecken.

Noch hilfreicher ist die Erkenntnis, dass Menschen oft überschätzen, wie viel mehr Information sie brauchen. In Wahrheit braucht man bei vielen Entscheidungen nicht mehr Daten, sondern mehr Abstand. Ein kurzer Wechsel der Umgebung, ein Spaziergang, eine Nacht Schlaf, ein anderes Gesprächsthema, und plötzlich sortiert sich etwas, ohne dass man es aktiv „durchdenkt“. Das Unterbewusstsein arbeitet nicht wie Magie, sondern wie ein stiller Archivar. Es ordnet, während wir leben. Wer ständig weiter recherchiert, füttert ihn manchmal nur mit immer neuen Zetteln, die noch niemand abgeheftet hat.

Und dann gibt es diese unterschätzte Kunst, die in keiner perfekten Checkliste steht, also den richtigen Moment erkennen, an dem „genug“ wirklich genug ist. Manche Menschen sammeln Ratschläge, weil sie hoffen, dass irgendwo eine Stimme kommt, die ihnen die Verantwortung abnimmt. Andere ignorieren Ratschläge, weil sie befürchten, Verantwortung zu verlieren. Beides sind zwei Seiten derselben Münze. Der Ausweg ist weder blinde Selbstbestimmung noch blinde Anpassung, sondern eine erwachsene Mischung: „Ich nehme Input als Rohstoff und entscheide als Autor meines Lebens.“

Vielleicht ist genau das die schönste, realistischste Erkenntnis, denn selbst entscheiden zu wollen, ist kein Charakterfehler. Es ist ein menschlicher Grundmodus. Problematisch wird es erst, wenn dieser Grundmodus zur Mauer wird, die nicht mehr schützt, sondern einsperrt. Ein guter Alltagstest ist erstaunlich simpel. Fühlst du dich nach einer Entscheidung größer oder enger? Größer heißt nicht automatisch richtig, enger heißt nicht automatisch falsch. Aber „enger“ ist oft ein Signal dafür, dass du dich nicht für das entschieden hast, was stimmig ist, sondern für das, was kurzfristig Sicherheit verspricht.

Am Ende entsteht die Qualität einer Entscheidung selten aus einem perfekten Mix aus Daten und Gefühlen. Sie entsteht daraus, dass man sich selbst ernst nimmt, ohne sich selbst zu überschätzen. Dass man das eigene Bauchgefühl nicht wie einen König behandelt, aber auch nicht wie einen Störenfried. Dass man Widerspruch nicht als Angriff, sondern als Stabilitätsprüfung sieht. Und dass man sich traut, zu sagen: „Ich höre dich und ich bleibe trotzdem bei mir“, ohne daraus eine Pose zu machen.

Denn vielleicht ist das der eigentliche Kern. Wer nie auf andere hört, will oft nicht Recht behalten, er will sich nicht verlieren. Und wer das versteht, kann anfangen, auf eine Weise zuzuhören, die nicht klein macht, sondern klarer, nicht als Kapitulation, sondern als Upgrade.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel