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Es gibt diese Freundschaften, die sich anfühlen wie ein schöner Raum mit zu wenig Stühlen. Man kommt gern hinein, man bringt sogar noch Kekse mit und steht trotzdem am Ende wieder selbst. Nicht, weil die anderen einen absichtlich warten lassen, sondern weil sich über Jahre ein Muster einschleicht, das so unauffällig ist wie Staub auf Bücherkanten. Eine Person meldet sich, erinnert sich, fragt nach, schlägt vor, hält Fäden zusammen, damit daraus etwas wird, das „Kontakt“ heißt. Und die andere Person ist dabei nicht zwingend kalt oder böse, sie ist einfach… nicht im gleichen Takt. Nur dass Taktunterschiede in Freundschaften nicht wie Musik klingen, sondern wie ein leiser Vorwurf, den man irgendwann gegen sich selbst richtet.

Wer häufig die Erste ist, die schreibt, kennt diese winzige Sekunde vor dem Senden,  das schnelle Abwägen, ob es „zu viel“ ist, ob man „schon wieder“ kommt, ob man sich gerade selbst einlädt in ein Leben, in dem man eigentlich eingeladen werden möchte. Und wer ehrlich ist, spürt unter dieser Sekunde oft etwas Tieferes, nämlich die Angst, dass eine Freundschaft nur existiert, solange man sie aktiv am Laufen hält, wie ein Fahrrad, das kippt, sobald man aufhört zu treten. Diese Angst ist nicht selten älter als die Freundschaft selbst. Sie kann aus Umzügen stammen, aus einem Kindheitsgefühl von „gerade noch dabei“, aus Situationen, in denen Zugehörigkeit nie selbstverständlich war. Dann wird die Initiative irgendwann nicht mehr nur eine nette Eigenschaft, sondern ein stilles Sicherungssystem: „Wenn ich mich melde, verliere ich euch nicht.“

Psychologisch ist das nachvollziehbar, beinahe logisch. Menschen unterscheiden sich stark darin, wie sie Nähe regulieren. Manche brauchen regelmäßige Bestätigung, andere fühlen sich durch seltenen, aber verlässlichen Kontakt genauso verbunden. Für die einen ist Freundschaft ein Ritual, für die anderen eher ein Hintergrundlicht, das nicht ständig eingeschaltet sein muss, um zu wissen, wo der Schalter ist. Die Forschung zu Bindung, zu Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialen Routinen zeigt seit Jahren, dass Nähe nicht von allen gleich „gemessen“ wird. Das Problem entsteht nicht durch Unterschiedlichkeit an sich, sondern durch die Interpretation. Wer viel investiert, übersetzt Schweigen leicht in Ablehnung. Wer wenig schreibt, meint damit vielleicht gar nichts, außer nur: „Mein Kopf ist voll, mein Kalender eng, aber du bist in meinem Leben weiterhin vorhanden.“ Nur leider ist „vorhanden“ nicht dasselbe wie „getragen“.

Einseitigkeit fühlt sich im Alltag selten dramatisch an. Sie sieht eher aus wie eine lange Reihe kleiner Szenen. Da verschickst du eine Sprachnachricht und bekommst drei Tage später ein Emoji. Oder du schlägst einen Kaffee vor, aber es bleibt beim „Wir müssen unbedingt!“. Du merkst dir Details, die Präsentation nächste Woche, den Arzttermin, den stressigen Chef und hörst dann: „Ach stimmt, das war ja.“ Du denkst dir erst, dein Kumpel hat gerade viel um die Ohren. Dann denkst du, dass du nicht so empfindlich sein darfst. Und irgendwann glaubst du, dass du vielleicht wirklich zu bedürftig bist. Diese letzte Wendung ist besonders perfide, weil sie das Problem vom Verhalten zwischen zwei Menschen in den Charakter einer Person verschiebt. Plötzlich wird aus dem ganz normalen Wunsch nach Gegenseitigkeit ein Makel, den man sich selbst anheftet.

Dabei ist das Bedürfnis nach Resonanz nichts Peinliches. Es ist menschlich. Der Körper reagiert auf soziale Zurückweisung messbar, nicht, weil wir dramatisch sein wollen, sondern weil unser Nervensystem Zugehörigkeit als Sicherheitsfaktor liest. Wenn Nähe wackelt, wackelt etwas im Inneren mit. Und trotzdem lohnt es sich, an genau dieser Stelle nicht reflexhaft zu kämpfen, sondern klüger zu werden, nicht härter, nicht kälter, sondern einfach nur klarer. Klarheit ist in Freundschaften oft das, was wir am seltensten üben, weil wir so lange an die gute Absicht glauben (und damit meist auch recht haben). Aber gute Absicht ersetzt keine Passung.

Ein sehr wirksamer Schritt beginnt nicht mit einem großen Gespräch, sondern mit einem kleinen inneren Kurswechsel, also weniger jagen, mehr beobachten. Nicht als Strafe, nicht als Machtspiel, sondern als Experiment mit offenem Ausgang. Wer immer die Initiative ergriffen hat, erlebt dabei zunächst einen ungewohnten Stillstand. Es ist, als würde man in einem Raum stehen, in dem plötzlich kein Hintergrundgeräusch mehr läuft. Das kann weh tun, weil es sichtbar macht, was vorher durch Aktivität überdeckt wurde. Und genau deshalb ist es so wertvoll. Denn erst wenn man nicht mehr ständig sendet, erkennt man, was zurückkommt, wenn man nichts auslöst.

Die Ergebnisse solcher Experimente sind selten schwarz-weiß, eher wie eine Sortierung nach Farben. Da gibt es Menschen, die sich tatsächlich nie melden, nicht aus Bosheit, sondern aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, aus anderen Prioritäten oder weil sie Freundschaft sehr locker definieren. Da gibt es Menschen, die sich nach einer Zeit melden, vielleicht sogar erleichtert, weil sie merken: „Oh, stimmt, ich vermisse dich.“ Und da gibt es die seltene, kostbare Kategorie, und zwar diejenigen, die von sich aus in Beziehung investieren, nicht perfekt, aber spürbar. Wer das einmal erlebt, merkt schnell, dass Gegenseitigkeit keine romantische Überforderung ist, sondern ein Grundgefühl von „Wir tragen das zusammen“.

Das eigentliche Lernen liegt dann nicht darin, alle „einseitigen“ Freundschaften zu beenden. Es liegt darin, Erwartungen passend zu machen, damit sie nicht ständig an der Realität zerschellen. Manche Freundschaften sind wie kurze, helle Gespräche am Schultor, wie ein Lachen auf der Straße, wie ein seltenes Treffen, das gut tut, ohne viel zu versprechen. Sie müssen nicht tief sein, um wertvoll zu bleiben. Aber sie dürfen auch nicht so behandelt werden, als wären sie eine Schwesternschaft, wenn sie in Wahrheit eher eine angenehme Bekanntschaft sind. Das ist keine Abwertung, das ist Kategorisieren und Kategorisieren ist ein Schutz vor Bitterkeit.

Denn Bitterkeit entsteht oft nicht durch das Verhalten der anderen, sondern durch die Diskrepanz zwischen dem, was wir hineingeben, und dem, was wir insgeheim erwarten. Wer viel gibt, erwartet nicht zwangsläufig Gleiches, aber meistens doch etwas, nämlich Interesse, Initiative und ein Zeichen, das sagt: „Du bist nicht nur praktisch, du bist wichtig.“ Wenn dieses Zeichen ausbleibt, beginnt innerlich die Buchhaltung. Und Buchhaltung in Freundschaften macht müde. Man wird schärfer in Gedanken, gereizter bei Kleinigkeiten, man zählt plötzlich mit, obwohl man eigentlich lieben wollte. Der Groll kommt selten mit großem Krach, er kommt mit kleinen Spitzen, mit Rückzug, mit dem Gefühl, man habe sich selbst verraten, weil man so lange „verständnisvoll“ war, dass man dabei die eigenen Bedürfnisse übersehen hat.

Eine freundlichere, reifere Alternative ist, die Bedürfnisse ernst zu nehmen, ohne daraus Anklagen zu schmieden. Das kann bedeuten, einer Freundin zu sagen: „Mir tut es gut, wenn du dich ab und zu von dir aus meldest.“ Nicht als Urteil, sondern als Information. Es kann bedeuten, Einladungen nicht mehr nachzuschieben, wenn sie dreimal ins Leere gelaufen sind. Es kann bedeuten, nicht jedes Schweigen zu deuten, aber auch nicht jedes Schweigen zu entschuldigen. Und es kann bedeuten, den Mut zu haben, sich auf wenige Menschen zu konzentrieren, statt sich an vielen zu verausgaben. Quantität beruhigt kurzfristig, Qualität trägt langfristig.

Interessanterweise passiert oft etwas Überraschendes, wenn man diesen Kurswechsel schafft.  So entkoppelt sich der Selbstwert ein Stück weit vom Antwortverhalten anderer. Man spürt plötzlich, dass man nicht „zu viel“ ist, sondern nur an der falschen Stelle sehr viel gegeben hat. Und dann wird aus dem alten Reflex wie hinterherlaufen, retten, zusammenhalten eine neue Fähigkeit, und zwar auswählen. Nicht im Sinne von „Wer mich nicht täglich feiert, fliegt raus“, sondern im Sinne von: „Ich investiere dort, wo Beziehung auch zurückschwingt.“ Diese Fähigkeit wirkt unspektakulär, aber sie verändert das innere Klima. Man wacht weniger oft mit dem Gefühl auf, etwas hinterherlaufen zu müssen. Man geht seltener mit diesem klebrigen Rest von „War das jetzt peinlich?“ aus einem Chat. Und man spürt häufiger eine stille Wärme: „Ich bin gewollt. Nicht von allen. Aber von den Richtigen.“

Vielleicht ist das der erwachsenste Blick auf Freundschaft. Sie ist nicht immer gleich, nicht immer symmetrisch, nicht immer in derselben Intensität verfügbar, und trotzdem kann sie gut sein, wenn man sie realistisch, liebevoll und klar führt. Einseitigkeit verliert ihren Stachel, wenn man aufhört, sie als Beweis der eigenen Unzulänglichkeit zu lesen, und anfängt, sie als Information über Passung zu verstehen. Manche Menschen werden immer eher Empfänger sein, andere eher Initiatoren. Das darf sein. Nur sollte niemand dauerhaft die ganze Strecke allein laufen müssen, wenn er eigentlich gemeinsam gehen wollte.

Und irgendwann, oft erst nach dem dritten oder vierten inneren Anlauf, sitzt man dann in dieser neuen Ordnung, ein paar lose Kontakte, die leicht bleiben dürfen, und wenige enge, die tragen. Man merkt, dass „wenige“ nicht weniger bedeutet, sondern genauer. Dass Freundschaft nicht daran zerbricht, dass man weniger tut, sondern daran, dass man zu lange zu viel tut, ohne gesehen zu werden. Und dass die größte Loyalität manchmal nicht darin liegt, immer wieder anzurufen, sondern darin, sich selbst nicht zu vergessen, während man andere festhalten will.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel