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Man merkt es oft erst nach Jahren. Nicht in der ersten Verliebtheit, nicht in den euphorischen Anfangsmonaten, sondern irgendwann an einem dieser stillen Abende, an denen beide erschöpft auf dem Sofa sitzen und gleichzeitig sagen: „Ich kann heute nicht mehr.“ Nicht, weil der Tag objektiv hart war, sondern weil sich innen wieder alles zu eng angefühlt hat. Und plötzlich wird klar, dass man nicht nur denselben Humor, dieselben Rituale, dieselbe Art Kaffee zu trinken trägt, sondern auch ähnliche innere Spannungen.

Partnerschaften entstehen selten auf neutralem Boden. Wir wählen einander nicht nur nach äußeren Merkmalen oder gemeinsamen Interessen aus, sondern nach etwas Tieferem, schwer Greifbarem, nach einer vertrauten Art, die Welt zu spüren. Nach einem inneren Takt, der sich seltsam vertraut anfühlt, selbst wenn man ihn beim ersten Date noch nicht benennen kann. Und genau dort setzt eine Erkenntnis an, die in der Psychologie in den letzten Jahren immer deutlicher geworden ist. Paare teilen sich überdurchschnittlich oft ähnliche psychische Muster,  manchmal sogar dieselben Diagnosen.

Das wirkt zunächst fast wie ein Zufallsspiel. Doch je genauer man hinschaut, desto weniger zufällig erscheint es. Menschen mit innerer Unruhe fühlen sich zu Menschen hingezogen, die diese Unruhe nicht als Schwäche werten. Menschen mit Zwangsgedanken erleben Nähe zu jemandem, der versteht, warum bestimmte Dinge „sein müssen“. Menschen mit autistischen Zügen finden Halt bei jemandem, der ihre Art zu kommunizieren nicht ständig korrigieren will. Nicht, weil sie bewusst nach einem „gleichen Problemprofil“ suchen, sondern weil sich Verstandenwerden wie ein sicherer Hafen anfühlt.

Neuere Erkenntnisse zeigen, dass bestimmte psychische Besonderheiten in festen Partnerschaften auffallend häufig gemeinsam auftreten, besonders bei neurodiversen Ausprägungen, Zwangsstörungen, Essstörungen oder Autismus, jedoch weniger deutlich bei Depressionen und allgemeinen Angststörungen. Manchmal tauchen sogar Kombinationen auf, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken, etwa Autismus bei einem Partner und ADHS beim anderen, und die im Alltag dennoch überraschend gut miteinander funktionieren. So trifft Ordnung auf Chaos,  Struktur trifft auf Impulsivität,  Rückzug trifft  auf Energie, und irgendwo dazwischen entsteht ein eigenwilliges Gleichgewicht.

Warum das so ist, hat mehrere Ebenen. Eine davon ist simpel, denn wir fühlen uns sicherer mit Menschen, die unsere inneren Eigenheiten nicht pathologisieren. Wer selbst Reizüberflutung kennt, nimmt es nicht persönlich, wenn der andere plötzlich schweigt. Wer eigene Zwangsroutinen hat, lacht eher darüber, wenn der Partner dreimal kontrolliert, ob der Herd wirklich aus ist. Nähe wächst dort, wo man sich nicht erklären muss.

Eine zweite Ebene ist sozialer Natur. Menschen mit ähnlichen psychischen Strukturen bewegen sich oft in ähnlichen Lebensräumen. Sie wählen ähnliche Berufe, ähnliche Freizeitorte, ähnliche soziale Milieus. Nicht aus Berechnung, sondern aus Selbstschutz. Wer Lärm schlecht erträgt, sucht keine Großraumbüros. Wer intensive Reize meidet, lernt seinen Partner eher im ruhigen Seminarraum als auf dem Techno-Festival kennen. Eine Begegnung folgt einem Lebensstil und ein Lebensstil folgt einem inneren Bauplan.

Und dann ist da noch das Thema Stigma. Manche psychischen Besonderheiten engen die Partnerwahl indirekt ein. Wer sehr kontrollierend, sehr zurückgezogen oder sehr impulsiv ist, stößt bei Menschen ohne ähnliche Erfahrungen schneller auf Unverständnis oder Rückzug. Zwei, die ähnliche Herausforderungen tragen, bleiben eher zusammen, weil sie weniger gegenseitige „Erziehungsarbeit“ leisten müssen. Sie streiten nicht darüber, ob ein Problem real ist, sondern darüber, wie man damit lebt.

Spannend wird es bei der Frage, ob diese Ähnlichkeiten schon vor der Beziehung da sind oder erst in ihr entstehen. Beziehungen verändern uns, emotional, kommunikativ, manchmal sogar neurologisch. Wer jahrelang mit einem stark strukturierten Menschen lebt, übernimmt oft dessen Ordnungsmuster. Wer mit jemandem zusammen ist, der ständig unter Strom steht, entwickelt selbst eine höhere innere Alarmbereitschaft. Nähe bedeutet auch Angleichung. Wahrscheinlich ist es kein Entweder-Oder, da ähnliche Menschen sich leichter finden, eher zusammenbleiben und mit der Zeit sogar noch ähnlicher werden.

Für den Alltag hat diese Erkenntnis eine unerwartet entlastende Seite. Sie nimmt Schuld aus vielen Beziehungskonflikten. Es ist kein persönliches Versagen, wenn sich bestimmte Dynamiken gegenseitig verstärken. Es ist kein Zeichen von „toxischer Co-Abhängigkeit“, wenn zwei sensible Nervensysteme einander hochschaukeln. Oft ist es schlicht die Reibung zweier ähnlicher innerer Landschaften.

Gleichzeitig hat das Thema eine ernste Dimension. Wenn beide Eltern ähnliche psychische Belastungen mitbringen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch Kinder damit zu tun bekommen, sowohl genetisch, als auch durch das emotionale Klima im Haushalt. Das zwingt die Forschung, alte Annahmen zu überdenken. Lange ging man davon aus, dass psychische Störungen bei Eltern zufällig verteilt sind. Wenn das nicht stimmt, müssen auch genetische Risiken neu berechnet werden.

Doch jenseits aller Statistik bleibt etwas sehr Menschliches. Viele Paare berichten, dass sie sich erst in dieser gemeinsamen Verletzlichkeit wirklich gesehen fühlen. Dass sie nicht ständig erklären müssen, warum sie Dinge anders wahrnehmen. Dass sie sich in ihren dunkleren Momenten nicht als Belastung empfinden, sondern als Teil eines gemeinsamen Lebens.

Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit hinter dem Satz „Gleich und gleich gesellt sich gern“. Nicht, weil wir perfekt zueinander passen. Sondern weil wir in der Unperfektheit des anderen ein Stück von uns selbst erkennen. Und weil es manchmal leichter ist, gemeinsam im gleichen inneren Takt zu stolpern, als allein perfekt zu gehen.

Diese Erkenntnis ist kein romantischer Kitsch und keine kalte Statistik. Sie ist eine Einladung zu mehr Milde, gegenüber dem Partner und gegenüber sich selbst. Wer versteht, dass Nähe oft dort entsteht, wo sich innere Brüche berühren, sieht Beziehungen nicht mehr als Reparaturbetrieb, sondern als stilles Bündnis zweier Menschen, die sagen: „Ich bin nicht ganz glatt. Du auch nicht. Lass uns trotzdem zusammengehen.“

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel