Es ist eine unauffällige, aber doch schon sehr folgenreiche Verschiebung, die sich durch die modernen Lebensentwürfe zieht, bei der so manch einer unter uns beginnt, sich nicht mehr nur über sein Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen, sondern auch immer zu über das, was er besitzt. Es geschieht vielleicht nicht bewusst, sondern eher als das Ergebnis eines Systems, das einen Wert zunehmend sichtbarer macht, da das, was greifbar ist, nunmal zählbar wird. Und das, was zählbar ist, wird wiederum vergleichbar. Und schließlich wird das, was vergleichbar ist, auch identitätsstiftend.
In dieser einfachen Logik ist Besitz also längst mehr geworden als nur eine Funktion. Er wird zur Referenz. So sind die Positionen Wohnung, Einkommen und der berufliche Status längst nicht mehr nur Rahmenbedingungen eines Lebens, sondern geraten stärker zu den zählenden Beweisen der eigenen Bedeutung. Der Übergang geschieht zwar noch ganz beiläufig, bis schließlich jedoch aus dem Haben ein Sein wird.
Dabei bleibt aber oft unbeachtet, wie fragil diese Konstruktion eigentlich ist. Denn alles, was sich im Außen aufbauen lässt, bleibt prinzipiell verlierbar. Märkte verändern sich, Lebensumstände verschieben sich und Sicherheiten erweisen sich als temporär. Doch mit jedem dieser Brüche stellt sich sodann eine grundsätzliche Frage: Was trägt noch, wenn das, woran man sich gehalten hat, nicht mehr da ist?
Die Antwort darauf fällt schließlich selten klar aus. Nicht, weil sie komplex wäre, sondern weil sie ungewohnt ist. Wir sind eben darauf trainiert, uns über Zuschreibungen zu orientieren, sei es sozial, materiell oder nur funktional. Diese Zuschreibungen schaffen wiederum Ordnung, geben Halt und ermöglichen eine gewisse Vergleichbarkeit. Doch sie haben einen blinden Fleck, denn sie verwechseln Stabilität mit Dauerhaftigkeit.
Was bleibt, ist am Ende daher eine Identität, die stark wirkt, solange ihre äußeren Bezugspunkte bestehen, die aber schnell ins Wanken gerät, sobald sie wegfallen. Dieser Verlust wird dann allerdings nicht mehr als Veränderung erlebt, sondern als ein Entzug oder gar als ein Bruch.
Dabei liegt doch genau hier eine Differenz zwischen Besitz und Bindung, die viel zu oft übersehen wird. Der Besitz ist für sich genommen zunächst ganz klar einfach nur neutral, da er im wesentlichen nur Funktionen erfüllt, Abläufe erleichtert und auch neue Möglichkeiten schafft. Erst die emotionale Aufladung macht den Besitz für das eigene Selbstbild relevant. Denn nicht das, was vorhanden ist, definiert den Menschen, sondern die Bedeutung, die er ihm zuschreibt.
Diese Unterscheidung hat schließlich weitreichende Konsequenzen. So wird der, der den Besitz als eine Erweiterung seiner selbst versteht, den Verlust auch als eine Verkleinerung erleben. Wer ihn jedoch als vorübergehende Ressource begreift, wird Veränderungen ganz anders einordnen können, also weniger als ein Angriff, sondern mehr als eine Verschiebung.
Das bedeutet dabei nicht, dass man gleichgültig wäre; nein, es ist vielmehr eine einfache Präzision, also jene Fähigkeit des Menschen, zwischen dem, was genutzt wird, und dem, was man ist, klar unterscheiden zu können.
Nun zeigt sich diese Haltung seltsamerweise weniger im Extremen als im Alltäglichen, in der Form zum Beispiel, wie über die Arbeit gesprochen wird. Oder in der Reaktion auf eine finanzielle Veränderungen. Vor allem aber in der inneren Sprache, mit der Verlust beschrieben wird. Ob jemand sagt „Ich bin gescheitert“ oder „Es hat nicht funktioniert“, ist also mehr als Semantik, es ist ein Hinweis darauf, wo die Grenze zwischen sich Selbst und einer bestimmten Situation gezogen wird.
In der psychologischen Forschung wird diese Fähigkeit als Form der inneren Differenzierung beschrieben. Sie gilt für die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Veränderung umzugehen, ohne dabei die eigene Stabilität zu verlieren. Wer sich nicht vollständig über äußere Faktoren definiert, bleibt demnach beweglicher. Nicht, weil er weniger betroffen ist, sondern weil er weniger von ihnen abhängt.
Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf das, was häufig als „Erfolg“ verstanden wird. Nicht die Anhäufung von Besitz wird entscheidend, sondern die Art, wie mit ihm umgegangen wird und ob er so integriert wird, dass er dabei nicht schon zur Voraussetzung des eigenen Selbstwerts wird.
In dieser Betrachtung verliert die Frage nach dem Haben damit auch schon an Gewicht und macht einer anderen Frage Platz, eben der Frage nach dem, was unabhängig davon Bestand hat.
Aber gerade das ist keine einfache Frage, denn sie lässt sich nicht abschließend beantworten. Es ist schließlich die Frage danach, wenn das, worüber du dich erklärst, wegfällt: Was bleibt dann übrig, das nicht erst neu begründet werden muss?



