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Manch ein Augenblick gibt es in Vereinen, die so unscheinbar, ja beinahe alltäglich wirken. Eine Mitgliederversammlung steht an, ein paar Tische werden zurecht gerückt, Blätter rascheln, Namen stehen auf der Tagesordnung, Satzungen suchen ihr „Update“ wie alte Betriebssysteme. Und dann gibt es diese seltenen Begegnungen, in denen ein Raum plötzlich zu atmen beginnt. Nicht, weil jemand besonders laut wird oder jemand anderes dramatisch mit der Tür schlägt, sondern weil sich zwischen den Menschen etwas verschiebt, kaum sichtbar, aber tief spürbar. In solchen Augenblicken zeigt sich, wie Gruppen wirklich funktionieren. Nicht auf den Folien, nicht in den Paragraphen, sondern in der Art, wie sie kollektiv denken, fühlen und reagieren.

In einem der vielen an sich unscheinbaren Mitgliederversammlungen war genau so ein Moment. Alle Erwartungen sprachen für einen nüchternen Abend, zwei Versionen einer Satzungsänderung, etwas Diskussion, Handzeichen, Protokoll, der übliche Mechanismus, den Vereinsmenschen so gut kennen wie andere das Klappern der Kaffeetassen am Morgen. Doch an diesem Abend geschah etwas, das man nur wahrnimmt, wenn man den Zwischenräumen lauscht. Es begann mit einer Satzungsfrage, hinter der plötzlich viel mehr stand als Formulierungen und Quorumsregeln. Es war ein Thema, das Menschen nicht nur als Mitglieder ansprach, sondern als Persönlichkeiten mit Bedürfnissen, Unsicherheiten und  Grundhaltungen.

Zwei Varianten lagen auf dem Tisch. Und obwohl es auf dem Papier um Zahlen, Fristen und Mehrheiten ging, war im Raum deutlich zu spüren, dass sich dahinter zwei Haltungen verbargen, zum einen die Sehnsucht nach Stabilität und zum anderen die Sehnsucht nach Flexibilität. Manche wollten den Schutz der Struktur, andere die Freiheit einer pragmatischeren Entscheidung. Es war kein Streit, eher ein stilles Abtasten. Manche Blicke verrieten: „Ich will, dass wir es diesmal richtig machen“, während andere sagten: „Ich will, dass wir endlich vorankommen.“

Eine der führenden Stimmen des Abends – und doch blieb ihr Ton erstaunlich sanft – sprach nicht davon, was sie wolle, sondern davon, warum etwas sinnvoll sei. Es war eine Form von Führung, die nicht ruft, sondern hält. Sie bot nicht nur Informationen, sondern Halt. Die Gruppe spürte das, fast wie Tiere das Wetter spüren, und zwar unaufgeregt, aber doch sicher. Und die Mitglieder, die in den letzten Jahren eher die Rolle der Bremser eingenommen hatten, reagierten wie jemand, der nach langer Zeit merkt, dass er nicht gegen etwas kämpfen muss, sondern für etwas stimmen darf. Es war, als wären sie lange in einer Stellung geblieben, die mehr Muskelkrampf als Überzeugung war.

Die Abstimmung wurde zum Wendepunkt. Nicht, weil eine Seite gewonnen hätte und die andere verloren, solche Bilder sind zu grob und zu wenig menschlich. Es war eher der Moment, in dem ein Raum entscheidet, wem er vertraut. Und Vertrauen entsteht selten dort, wo man um es bittet, sondern dort, wo man es nicht einfordert. Manche schienen überrascht, fast irritiert darüber, dass die Mehrheit plötzlich eine andere Richtung einschlug, als man erwartet hatte. Andere wirkten erleichtert, endlich etwas, das sich richtig anfühlt, nicht nur regelkonform.

Besonders auffällig war, wie schnell aus alten Gegenspielern plötzlich Mitträger wurden. Menschen, die sonst mit erhobener Stirn und kritischem Ton an die Tische traten, wirkten an diesem Abend fast erleichtert, ja erleichtert, dass sie ihre Stimme nicht gegen etwas erheben mussten, sondern auf etwas zeigen konnten, das ihnen einleuchtete. Es hat eine eigene Schönheit, wenn aus Widerstand Unterstützung wird, ein stiller Beweis dafür, dass Gruppen beweglicher sind, als wir oft glauben. Und manchmal braucht es dafür keine neuen Regeln, sondern neue Resonanz.

Doch der Abend zeigte auch Schattenbereiche, die in Vereinen oft im Verborgenen wachsen, nämlich das Bedürfnis einzelner, Kontrolle auszuüben, wo eigentlich Vertrauen hingehört. Wer sich selbst unsicher fühlt, sucht oft Halt im Verhalten anderer und manchmal entsteht daraus ein Ton, der wie eine Cheffrage klingt, obwohl niemand Chef ist. Auch das kam ans Licht, nämlich die kleinen Nadelstiche des Misstrauens, die sich in Fragen versteckten, die eher nach Kontrolle klangen als nach Zusammenarbeit. Es war nicht böse gemeint, vermutlich nicht einmal bewusst. Aber es zeigte die andere Seite eines Ehrenamts. Manch einer trägt so viel Verantwortung auf den Schultern, dass er vergisst, dass niemand verpflichtet ist, diese Last allein zu halten.

Gleichzeitig war zu beobachten, wie eine Gruppe von Menschen sich gegenseitig spiegelte. Manche zeigten, dass sie Grenzen brauchen, andere, dass sie Unterstützung suchen. Und wieder andere, dass sie bereit sind, zu vermitteln, bevor etwas bricht. Es war ein Abend, der die innere Mechanik eines Verbandes offenlegte, die Mischung aus Pflichtgefühl, Machtinstinkt, Verletzlichkeit, Zusammenhalt und dem ständigen Versuch, das Richtige zu tun, ohne immer zu wissen, was das Richtige genau ist.

Am Ende ging niemand als Sieger nach Hause. Und das ist vielleicht das Bemerkenswerteste. Was stattfand, war kein Machtkampf im klassischen Sinn, sondern ein selten ehrlicher Moment der Selbstkorrektur. Ein Verband, der sich selbst gespiegelt hat, in einer Satzungsdebatte, die plötzlich zu einer Standortbestimmung wurde: Wer führt? Wer folgt? Wer schützt? Wer zweifelt? Und wer vertraut am Ende der Stimme, die am wenigsten fordert?

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses Abends, dass nämlich Gruppen nicht nur über Anträge entscheiden, sondern über Haltung. Und manchmal reichen ein Mikrofon, ein paar Stühle und ein wenig Mut, um sichtbar zu machen, wie viel Menschlichkeit in all der Formalität steckt. Wer dort war, ging nicht einfach aus einer Sitzung. Er ging aus einem Raum, der für einen Moment etwas gezeigt hat, das man in Satzungen nicht formulieren kann,  dass Dynamik entsteht, wenn Menschen sich trauen, einander zuzuhören, und wenn Führung nicht darin besteht, sich durchzusetzen, sondern darin, Orientierung zu geben, selbst dann, wenn es weh tut.

Es war ein Abend, der noch lange nachhallen wird. Nicht wegen der Paragrafen. Sondern wegen dem, was sie ausgelöst haben, eine Erinnerung daran, dass jedes Kollektiv, ganz egal ob Verein, Familie oder Arbeitsgruppe, weniger aus Regeln besteht als aus Menschen, die diese Regeln mit Leben füllen. Und manchmal genügt ein kleiner Moment der Klarheit, damit sich ein ganzes System neu sortiert.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel