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Menschen sprechen erstaunlich selbstverständlich über Themen wie Karriere, Fitness, Finanzen, aber betrachten so manch andere Themen selten nüchtern, obwohl sie sie ständig fühlen.  Verlieben gehört schließlich zu Letzteren. Es wird romantisiert, dramatisiert, besungen und verfilmt. Doch wenn man die Frage einmal sachlich stellt, wie oft wir uns eigentlich im Laufe unseres Lebens verlieben, dann entsteht eine merkwürdige Stille. Als würde man etwas sehr Intimes unter ein Vergrößerungsglas legen.

Die Vorstellung, dass wir uns ständig neu verlieben könnten, gehört zu den populären Mythen unserer Zeit. Dating-Apps suggerieren eine endlose Auswahl, Serien erzählen von schicksalhaften Begegnungen im Wochenrhythmus, und soziale Medien verstärken das Gefühl, dass irgendwo immer jemand wartet, der noch besser passt. Doch die psychologische Forschung zeichnet ein deutlich zurückhaltenderes Bild. Intensive, wirklich bindungsrelevante Verliebtheit ist kein Dauerzustand und auch kein beliebig oft reproduzierbares Gefühl. Sie ist seltener, als wir glauben und vielleicht gerade deshalb so kostbar.

Verliebtheit ist kein harmloses Flattern im Bauch, sondern ein hochkomplexer neurobiologischer Ausnahmezustand. Das Gehirn schüttet vermehrt Dopamin aus, jenes Molekül, das auch bei Belohnung und Motivation eine Rolle spielt. Gleichzeitig sinkt oft der Serotoninspiegel, was erklärt, warum frisch Verliebte nicht selten gedanklich kreisen, schlecht schlafen oder sich kaum konzentrieren können. Das Herz schlägt schneller, der Appetit verändert sich, die Wahrnehmung verengt sich auf eine Person. Biologisch betrachtet ist Verliebtheit ein Zustand erhöhter Fokussierung, fast eine milde Form von Besessenheit, allerdings sozial akzeptiert.

Doch genau diese Intensität hat ihren Preis. Der menschliche Organismus ist nicht dafür gemacht, dauerhaft in einem solchen Hochspannungsmodus zu bleiben. Evolutionär erfüllt Verliebtheit vor allem eine Funktion, nämlich die, dass sie zwei Menschen einander näherbringt, lange genug, um Bindung aufzubauen. Danach verändert sich das Gefühl. Es wird ruhiger, tiefer, stabiler oder es zerfällt. Das bedeutet nicht, dass die Liebe verschwindet. Sie wandelt sich. Und genau an diesem Punkt beginnen viele Missverständnisse.

Wer glaubt, echte Liebe müsse sich immer so anfühlen wie in den ersten Wochen, wird zwangsläufig enttäuscht. Die Forschung zur Paarbindung zeigt seit Jahren, dass langfristige Zufriedenheit weniger mit leidenschaftlicher Dauererregung zu tun hat als mit Vertrauen, emotionaler Sicherheit, gegenseitigem Respekt und gemeinsam bewältigten Krisen. Leidenschaft kann zurückkehren, sie kann neu aufflammen, aber sie ist nicht das Fundament. Das Fundament ist Verlässlichkeit.

Statistisch betrachtet erleben die meisten Menschen einige wenige wirklich tiefgreifende Verliebtheitsphasen im Leben. Manche berichten von zwei oder drei intensiven Beziehungen, andere von einer einzigen großen Liebe, wieder andere von mehreren Anläufen, die jeweils unterschiedlich stark waren. Die Vorstellung, man müsse sich ständig neu und spektakulär verlieben, entspricht eher kulturellen Erzählungen als psychologischer Realität.

Interessant ist auch, wie sich Verliebtheit über die Lebensspanne verändert. In jungen Jahren ist sie oft impulsiver, idealisierender, stärker von Projektionen geprägt. Man verliebt sich nicht nur in einen Menschen, sondern auch in die Idee von ihm. Mit zunehmender Lebenserfahrung wird die Wahrnehmung differenzierter. Man sieht schneller die Brüche, die Ecken, die Unvereinbarkeiten und verliebt sich dennoch, oder gerade deshalb. Reifere Verliebtheit ist weniger naiv, aber nicht weniger intensiv. Sie ist bewusster.

Hinzu kommt, dass nicht jede starke Anziehung gleich Verliebtheit ist. Psychologen unterscheiden zwischen körperlicher Attraktion, emotionaler Nähe, romantischer Idealisierung und tiefer Bindung. Diese Komponenten können gemeinsam auftreten, sie müssen es aber nicht. Manchmal verwechseln wir Aufregung mit Passung. Manchmal halten wir Vertrautheit für Langeweile. Und manchmal erkennen wir erst im Rückblick, dass das leiseste Gefühl das nachhaltigste war.

Gerade in einer Zeit, in der Beziehungen schneller beginnen und ebenso schnell enden können, lohnt sich ein genauerer Blick. Wie oft verlieben wir uns wirklich oder wie oft lassen wir uns nur von der Möglichkeit der Verliebtheit treiben? Die moderne Beziehungswelt begünstigt eine ständige Vergleichbarkeit. Jede kleine Unzufriedenheit könnte theoretisch durch jemand „Passenderes“ ersetzt werden. Doch die Forschung zur Entscheidungspsychologie zeigt, dass zu viele Optionen paradoxerweise zu weniger Zufriedenheit führen. Wer immer denkt, es könnte noch etwas Besseres kommen, investiert weniger in das, was bereits da ist.

Vielleicht liegt der eigentliche Mehrwert dieser Frage nicht in einer Zahl, sondern in einer Haltung. Wenn Verliebtheit seltener ist, als wir glauben, dann verdient sie Aufmerksamkeit. Wenn sie kein Dauerzustand ist, dann sollten wir sie nicht mit Dauer verwechseln. Und wenn sie sich wandelt, dann ist das kein Scheitern, sondern Entwicklung.

Viele Menschen berichten im Gespräch, oft beiläufig, fast zögerlich, dass sie sich im Leben nur ein- oder zweimal „wirklich“ verliebt haben. Dieses „wirklich“ ist entscheidend. Es meint jene Begegnungen, die innere Koordinaten verschieben, die Prioritäten neu ordnen, die einen mutiger oder verletzlicher machen. Es sind nicht zwangsläufig die Beziehungen, die für immer halten. Aber es sind die, die Spuren hinterlassen.

Vielleicht sollten wir Verliebtheit weniger als Konsumgut betrachten und mehr als seltenes Ereignis, das uns etwas über uns selbst verrät. Wen zieht es uns an? Warum gerade diese Person? Welche Bedürfnisse, welche Sehnsüchte, welche unbewussten Muster werden berührt? In jeder Verliebtheit steckt auch eine Selbstbegegnung.

Und am Ende steht eine leise Erkenntnis, denn es geht nicht darum, wie oft wir uns verlieben. Es geht darum, ob wir bereit sind, wenn es geschieht. Bereit, uns einzulassen, ohne Garantie. Bereit, den Rausch nicht mit Ewigkeit zu verwechseln. Bereit, die ruhige Form der Liebe nicht zu unterschätzen, nur weil sie nicht laut ist.

Verliebtheit ist kein Massenphänomen im eigenen Leben. Sie ist eher ein seltenes Kapitel in einem langen Buch. Und vielleicht liegt ihre Schönheit genau darin, dass sie nicht beliebig ist, sondern bedeutsam.

Von Kamuran Cakir

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