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Erreichbarkeit war einmal eine Entscheidung. Man ging ans Telefon oder eben nicht. Man war zu Hause, im Büro oder  unterwegs. Heute ist sie ein Zustand, der nicht mehr endet. Eine Nummer reicht. Sie existiert, sie funktioniert, sie verweist weiter auf ein Profil, ein Bild, eine Präsenz. Auf etwas, das man selbst vielleicht gar nicht aktiv zeigen wollte, das aber dennoch da ist.

Die digitale Kommunikation hat Nähe demokratisiert und Sichtbarkeit gleich mitgeliefert. Nicht als Zusatz, nicht als Ausnahme, sondern als Grundeinstellung. Wer teilnimmt, wird lesbar. Wer erreichbar ist, wird einsehbar. Und wer einsehbar ist, hinterlässt mehr als Nachrichten. Er hinterlässt Spuren, Muster und Verbindungen. Das geschieht nicht heimlich, sondern offen, aber nur selten bewusst. Die Technik erledigt den Rest, effizient, unspektakulär und ganz zuverlässig. Sie prüft, verknüpft und ordnet ein, nicht aus Neugier, sondern aus Logik.

Dabei wirkt alles harmlos. Ein Profilfoto, das man seit Jahren nicht gewechselt hat. Eine Statuszeile, die im Moment der Eingabe klug oder witzig schien und später zu einem unbeabsichtigten Hinweis wird. Eine Telefonnummer, die man irgendwann einmal weitergegeben hat, ohne darüber nachzudenken, wie langlebig solche Angaben sind. Das Digitale vergisst nicht, aber es erinnert auch nicht wie ein Mensch. Es speichert. Und es kombiniert.

Aktuelle Forschung zeigt, wie leicht aus einzelnen Informationen größere Bilder entstehen können. Nicht, weil jemand Nachrichten mitliest oder Gespräche belauscht, sondern weil schon die bloße Existenz einer Nummer Auskunft gibt. Sie lässt sich abgleichen, zuordnen, anreichern. Metadaten nennt man das in der Wissenschaft, doch im Alltag sind es die Ränder unseres Lebens, und zwar darüber, wer erreichbar ist, zu welchen Zeiten, mit welchem Bild und in welchem Netzwerk. Dinge, die man selten als sensibel empfindet bis sie es plötzlich sind.

Der Gedanke daran wirkt zunächst abstrakt. Doch er wird konkret, sobald man ihn auf den eigenen Alltag überträgt, auf das Handy, das auf dem Tisch liegt, während man isst. Auf die Nachricht, die spät abends ankommt und zeigt, dass man offenbar noch erreichbar ist. Auf das Profilbild, das mehr verrät als beabsichtigt, einfach weil es ein Gesicht zeigt, einen Hintergrund, einen Moment. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Offenheit allein, sondern durch Dauer. Durch die Tatsache, dass etwas bleibt, abrufbar ist, verknüpft werden kann.

In stabilen Zeiten fühlt sich das belanglos an. In angespannten politischen oder gesellschaftlichen Situationen kann dieselbe Information ein Risiko werden. Forschung aus unterschiedlichen Disziplinen weist seit Jahren darauf hin, dass Daten ihren Kontext wechseln können. Was heute neutral wirkt, kann morgen interpretiert, missverstanden oder gezielt genutzt werden. Nicht zwangsläufig böswillig, oft schlicht funktional. Systeme arbeiten mit dem, was da ist.

Der eigentliche Konflikt liegt dabei weniger in der Technik als in unserer Beziehung zu ihr. Bequemlichkeit ist kein moralischer Makel, sondern eine menschliche Eigenschaft. Wir nutzen, was funktioniert. Wir bleiben dort, wo die anderen sind. Netzwerkeffekte bilden soziale Realität ab, sie erfinden sie nicht. Gleichzeitig fordern sie einen Preis, der leise erhoben wird, nämlich die Aufmerksamkeit, Gewöhnung und Akzeptanz. Erreichbarkeit wird normal, Sichtbarkeit gleich mit.

Datenschutz erscheint in diesem Licht nicht als abstrakte Rechtsfrage, sondern als Kulturtechnik. So wie man lernt, Türen zu schließen oder Gespräche nicht überall zu führen, geht es auch hier um feine Entscheidungen. Um das Reduzieren von Informationen, um das bewusste Einstellen von Sichtbarkeit, um das gelegentliche Innehalten. Nicht aus Angst, sondern aus Selbstachtung. Nicht als Rückzug, sondern als Haltung.

Dieser Beitrag will keine Panik erzeugen und keine Technik verteufeln. Er will etwas sichtbar machen, das wir längst als selbstverständlich akzeptiert haben. Dass Erreichbarkeit nicht neutral ist, dass sie eine Form von Öffentlichkeit schafft, die nicht laut, nicht dramatisch, aber dauerhaft ist. Und dass es sich lohnt, diese Öffentlichkeit gelegentlich zu hinterfragen. Nicht, um uns zu verstecken, sondern um bewusst zu entscheiden, wie viel von uns wirklich gesehen werden muss.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel