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Bewusstsein ist kein Schalter, der eines Tages hörbar klickt. Es gibt keinen Moment, der sich im Kalender markieren ließe, kein eindeutiges „Jetzt“. Wer danach fragt, merkt schnell, dass die Antwort sich entzieht, je genauer man hinschaut. Vielleicht beginnt Bewusstsein nicht an einem Punkt, sondern in einer Bewegung.
Schon im Mutterleib reagiert ein ungeborenes Kind. Es hört Rhythmen, spürt Druck, reagiert auf Stimmen. Ist das bereits Bewusstsein oder nur biologische Reizverarbeitung? Die Forschung ist vorsichtig geworden mit klaren Zuschreibungen. Sie weiß heute, dass Wahrnehmung früher beginnt, als man lange annahm. Aber Wahrnehmen ist noch nicht dasselbe wie Erleben. Und Erleben ist noch nicht das, was wir gemeinhin Bewusstsein nennen.
Mit der Geburt verändert sich alles, mit Licht, Geräusche, Temperatur und Nähe. Das Nervensystem muss sich neu sortieren. Das Baby schreit, beruhigt sich, sucht den Blick. Doch auch hier bleibt die Frage offen. Ist das schon ein bewusstes Erleben oder eher ein vorbewusstes Dasein, ein Sein ohne Ich? Viele Entwicklungsforscher gehen davon aus, dass Bewusstsein in dieser Phase fragmentarisch ist. Kein zusammenhängendes Selbstbild, kein innerer Erzähler, sondern Inseln von Empfindung.
Im ersten Lebensjahr verdichtet sich etwas. Erinnerungen beginnen, wenn auch flüchtig. Emotionen werden differenzierter. Nähe und Trennung bekommen Bedeutung. Und doch fehlt noch etwas Entscheidendes, nämlich die Vorstellung eines eigenen Selbst. Das Kind fühlt, aber es weiß noch nicht, dass es fühlt. Es erlebt, ohne sich selbst als Handelnden zu begreifen.
Erst später, oft zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr, taucht dieses merkwürdige Wort auf: „Ich“. Mit ihm entsteht eine neue Qualität von Bewusstsein. Das Kind erkennt sich im Spiegel, beginnt, sich von anderen zu unterscheiden, sagt nicht mehr nur, was geschieht, sondern wer etwas tut. Viele sehen hier den Beginn des Ich-Bewusstseins. Doch auch das ist kein klarer Schnitt. Das Ich wächst, stolpert, verschwindet wieder. Es ist da und gleichzeitig erstaunlich instabil.
Vielleicht liegt genau hier der Denkfehler, Bewusstsein nicht als Zustand zu begreifen, sondern als Prozess. Nicht als Besitz, sondern als etwas, das sich immer wieder neu formt. Im Erwachsenenleben zeigt sich das deutlich. In Momenten tiefer Konzentration, großer Erschöpfung, intensiver Nähe oder auch stiller Versenkung tritt das Ich zurück. Gedanken laufen weiter, die Wahrnehmung bleibt wach, doch das Gefühl eines klar umrissenen Selbst löst sich auf. Und viele empfinden das nicht als Verlust, sondern als Erleichterung.
Moderne Bewusstseinsforschung nimmt diese Erfahrungen ernst. Sie zeigt, dass Bewusstsein kein starres Gebilde ist, sondern von Vernetzung, Körperzustand, Aufmerksamkeit und Kontext abhängt, dass es Abstufungen gibt, Übergänge und Grauzonen,  und dass das Ich eher eine Geschichte ist, die sich das Gehirn erzählt, als ein fester Kern, der von Anfang an existiert.


Die Frage nach dem Ende des Bewusstseins führt unweigerlich zurück zu seinem Anfang. Wenn es sich allmählich bildet, warum sollte es abrupt verschwinden? Viele Berichte aus Grenzerfahrungen deuten darauf hin, dass sich das Ich auflöst, bevor Wahrnehmung ganz erlischt. Nicht als dramatisches Ereignis, sondern als leises Zurücktreten. Als würde etwas, das lange im Mittelpunkt stand, Platz machen.
Vielleicht ist das die unbequemste und zugleich tröstlichste Erkenntnis, dass Bewusstsein nicht dort beginnt, wo wir es benennen können, und dass es nicht dort endet, wo wir aufhören, uns selbst zu erkennen. Es kommt und geht in Wellen, manchmal laut, manchmal kaum spürbar. Und vielleicht liegt seine eigentliche Bedeutung nicht darin, dass es eindeutig ist, sondern darin, dass es uns erlaubt, diese Fragen überhaupt zu stellen.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel