Die Wahrheit ist nicht immer das Problem
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Es gibt Verhaltensweisen, die Erwachsene besonders schnell beunruhigen. Das Lügen gehört auch dazu. Kaum etwas löst bei Eltern, Lehrkräften oder Erziehenden so unmittelbar den Wunsch aus, einzugreifen. Die Enttäuschung ist oft größer als der eigentliche Anlass. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass eine Lüge mehr über den Charakter eines Menschen verrät als viele ehrliche Worte.

Dabei beginnt die Geschichte des Lügens erstaunlich einfach.

Fast jedes Kind lügt irgendwann.   Es behauptet, die Schokolade nicht gegessen zu haben, obwohl die Spuren noch deutlich im Gesicht zu sehen sind. Es erzählt von Hausaufgaben, die angeblich schon erledigt wurden. Es bestreitet, die Vase umgestoßen zu haben, obwohl niemand sonst im Raum war. Erwachsene schütteln darüber häufig den Kopf. Entwicklungspsychologisch betrachtet steckt darin jedoch etwas Erstaunliches.

Wer lügt, muss sich vorstellen können, was ein anderer Mensch weiß, glaubt oder vermutet. Das Gehirn beginnt, zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Wahrnehmung anderer zu unterscheiden. Die erste Lüge eines Kindes ist deshalb oft weniger ein moralisches Problem als vielmehr ein Zeichen geistiger Entwicklung. So paradox das auch klingt, ein Kind muss bereits einiges verstanden haben, um erfolgreich lügen zu können.
Und genau hier beginnt eine wichtige Unterscheidung, da nicht jede Lüge gleich ist.

Es gibt die kleine Schutzlüge, die peinliche Ausrede und die übertriebene Geschichte, mit der man Eindruck machen möchte. Es gibt die Fantasie, die sich mit der Realität vermischt, und die Notlüge, die einen unangenehmen Moment retten soll. Solche Formen begegnen uns nicht nur in Kinderzimmern, sondern sie begleiten Menschen oft ein Leben lang.

Wer hat denn noch nie behauptet, der Zug habe Verspätung gehabt, obwohl man selbst zu spät losgefahren ist? Und wer hat noch nie gesagt, es gehe einem gut, obwohl innerlich alles durcheinander war? Oder wer hat noch nie ein Geschenk gelobt, das eigentlich nicht den eigenen Geschmack traf?

Unsere menschliche Ehrlichkeit ist häufig weniger schwarz oder weiß, als wir es gerne hätten. Sie bewegt sich vielmehr in vielen Grautönen.

Aber genauer zu betrachten sind die Lügen, die nicht mehr gelegentlich auftauchen, sondern zum festen Bestandteil des Verhaltens werden, wie wenn einzelne Ausreden zu einem dauerhaften Muster werden, oder dann, wenn die Unwahrheiten nicht mehr der Vermeidung eines unangenehmen Augenblicks dienen, sondern zum normalen Werkzeug werden, um Konflikte, Verantwortung oder Konsequenzen zu umgehen.

Aktuelle Langzeituntersuchungen zeichnen ein differenziertes Bild, wonach die meisten Kinder, die gelegentlich lügen, sich völlig unauffällig entwickeln. Ihre Unwahrheiten verschwinden oft von selbst oder verlieren mit zunehmender Reife an Bedeutung. Problematisch wird es vor allem dann, wenn häufiges Lügen über viele Jahre hinweg bestehen bleibt und gleichzeitig andere Auffälligkeiten hinzukommen.

Insbesondere sind die Kombinationen aus dauerhaften Unwahrheiten, hoher Impulsivität, aggressivem Verhalten und Schwierigkeiten, die Perspektiven anderer Menschen einzunehmen, sehr auffällig. Hier scheint weniger die Lüge selbst das Problem zu sein, als dass sie eher zu einem sichtbaren Symptom für tieferliegende Entwicklungen wird. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt, da die Lüge häufig nicht die Krankheit ist, sondern vielmehr das Fieberthermometer.

Denn wer nur die Lüge betrachtet, übersieht möglicherweise die eigentlichen Ursachen. Manchmal steckt Unsicherheit, mangelnde Impulskontrolle oder die Angst vor Ablehnung dahinter. Es kann aber auch ein Umfeld sein, in dem Fehler nicht erlaubt sind. Und manchmal kann es die Erfahrung sein, dass Ehrlichkeit regelmäßig negative Folgen hatte.

Viele Erwachsene erinnern sich an Situationen ihrer eigenen Kindheit, in denen die Wahrheit deutlich unangenehmer war als eine Ausrede. Wer für einen Fehler sofort beschämt wurde, lernte möglicherweise weniger Ehrlichkeit als vielmehr die Kunst, Fehler zu verstecken.

Liegt denn darin eine der unbequemsten Erkenntnisse überhaupt? Kinder lernen Ehrlichkeit nicht durch Vorträge über Ehrlichkeit, sie lernen sie durch Erfahrungen. Sie lernen sie dort, wo Wahrheit nicht automatisch zur Katastrophe wird. Dort, wo Fehler benannt werden dürfen, ohne dass die Beziehung darunter leidet. Dort, wo Erwachsene selbst vorleben, dass Verantwortung übernommen werden kann.

Seltsamerweise zeigt sich in vielen Familien ein Widerspruch. Schließlich wünschen sich Eltern ehrliche Kinder auf der einen Seite, reagieren aber manchmal besonders hart auf die Wahrheit auf der anderen Seite. Das Kind gesteht einen Fehler und erlebt vor allem Ärger. Die nächste Wahrheit wird dann vielleicht schon etwas kleiner ausfallen. Die übernächste verschwindet möglicherweise ganz.

Letztlich wächst Vertrauen selten unter Druck. Es wächst dort, wo Menschen das Gefühl haben, mit ihren Schwächen gesehen werden zu dürfen.

Natürlich bedeutet das jetzt im Ergebnis nicht, Lügen zu verharmlosen. Denn Ehrlichkeit bleibt eine wichtige Grundlage für Beziehungen, Freundschaften und gesellschaftliches Zusammenleben. Und ohne Vertrauen wird jede Gemeinschaft instabil. Doch wer langfristig etwas verändern möchte, muss häufig tiefer schauen als bis zur eigentlichen Unwahrheit. Daher lohnt es sich hier eine andere Frage zu gestatten. Nicht zu fragen „Warum hat dieses Kind gelogen?“, sondern die Frage zu stellen „Was hat dieses Kind geglaubt, durch die Wahrheit zu verlieren?“

Zwischen diesen beiden Fragen liegt ein entscheidender Unterschied. Die erste sucht nach Schuld, während die zweite nach Verständnis sucht.

Und Verständnis bedeutet nicht Nachsicht um jeden Preis. Es bedeutet lediglich, den Menschen hinter dem Verhalten nicht aus dem Blick zu verlieren.

Denn aus Kindern werden Jugendliche und aus Jugendlichen werden Erwachsene. Viele Verhaltensmuster verändern sich unterwegs, manche verschwinden, andere verfestigen sich. Die Forschung zeigt zunehmend, dass langfristige Entwicklungen selten durch einzelne Ereignisse bestimmt werden. Viel häufiger entstehen sie durch wiederkehrende Erfahrungen, Beziehungen und Gewohnheiten.

Diese Erkenntnis ist vielleicht die beruhigendste überhaupt. Denn ein Kind ist niemals nur seine schlechteste Entscheidung, nicht die kaputte Vase oder die erfundene Ausrede, und auch nicht einmal die hundertste Unwahrheit.

Menschen sind immer mehr als das Verhalten, das wir gerade sehen.

Und manchmal beginnt die wichtigste Form der Ehrlichkeit genau dort, wo wir den Mut haben, hinter eine Lüge zu schauen, anstatt nur auf sie zu reagieren.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel