Jeder hat sie vielleicht einmal gehört, die Geschichten, die nicht mit einer Straftat beginnen, sondern mit einem guten Gefühl. Es ist ein zufälliges Kennenlernen, ein erstes kurzes sympathische Gespräch und dann im Anschluss eine nette Einladung zum Essen. Und nach ein paar Stunden sitzt man schon mit Menschen zusammen, die von großen Ideen sprechen, von internationalen Kontakten und sogar von Projekten, die angeblich das Potenzial haben, ganze Branchen zu verändern. Irgendwann liegen Unterlagen auf dem Tisch; ganz unaufgefordert werden sodann Verträge, Firmendokumente und Beteiligungsangebote präsentiert. Man spricht dabei von den Professoren, Anwälten, Millionen oder sogar Milliarden. Je höher die Zahlen sind, umso beeindruckender ist das Ganze.
Schließlich beginnt hier das eigentliche Spiel. Es ist aber nicht das Spiel mit dem Geld, sondern das Spiel mit unserer Wahrnehmung. Die moderne Verhaltenspsychologie beschreibt seit Jahrzehnten Mechanismen, die jeder von uns in sich trägt. Der sogenannte Ankereffekt gehört zu den stärksten überhaupt. Unser Gehirn orientiert sich unbewusst an der ersten Information, die wir erhalten. Wer sehr früh mit außergewöhnlich hohen Summen konfrontiert wird, bewertet alles, was danach kommt, automatisch in einem anderen Licht. Aus einer unbekannten Person wird dann plötzlich jemand, der „offenbar auf ganz großer Bühne unterwegs ist“. Aus einer Visitenkarte wird unbewusst gleich ein Statussymbol. Aus einem Dokument entsteht schließlich der Eindruck von Seriosität, obwohl noch niemand geprüft hat, ob dessen Inhalt überhaupt belastbar ist.
Das ist jedoch kein Zeichen von Leichtgläubigkeit. Es ist einfach nur menschlich, und genau deshalb funktioniert es auch so gut.
Die meisten Menschen glauben, sie würden Manipulation sofort erkennen. Tatsächlich erkennen wir auch plumpe Täuschungsversuche meist sehr schnell. Schwieriger wird es jedoch dort, wo Wahrheit und Inszenierung miteinander verschmelzen; wenn also echte Namen neben unbelegten Behauptungen stehen und wenn es reale Unternehmen gibt, deren Bedeutung plötzlich größer dargestellt wird, als sie tatsächlich ist. Aber auch dann, wenn Dokumente offiziell aussehen, ohne dass ihre rechtliche oder tatsächliche Aussagekraft überprüft wurde und natürlich auch dann, wenn aus Kontakten plötzlich Netzwerke werden und aus Möglichkeiten scheinbar bereits Tatsachen.
Unser Gehirn liebt nun einmal geschlossene Geschichten. Die Wissenschaft spricht hier vom Narrative Bias. Fehlen Informationen, ergänzt unser Kopf diese Lücken häufig einfach selbst. So entsteht aus einzelnen Puzzleteilen letztlich ein Gesamtbild, obwohl entscheidende Teile vielleicht niemals vorhanden waren. Genau deshalb wirken große Erzählungen schließlich oft überzeugender als rein nüchterne Fakten.
Das Ganze wird dabei nicht durch große Zahlen, kompliziert klingende Begriffe oder durch Fotos mit bekannten Persönlichkeiten seriös.
Die Seriosität zeigt sich vielmehr dort, wo kritische Fragen willkommen sind und die Antworten darauf einer unabhängigen Überprüfung standhalten.
Je größer ein Projekt also dargestellt wird, desto kleiner sollte die Bereitschaft sein, etwas ungeprüft zu glauben. Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnlich belastbare Nachweise. Das gilt in der Wissenschaft, das gilt im Journalismus, und das gilt erst recht im Geschäftsleben.
Besonders aufmerksam sollte man werden, wenn nicht Fakten beeindrucken sollen, sondern Eindruck Fakten ersetzen soll.
Auch sollte man hellhörig werden, wenn die Größe wichtiger wird als die Substanz, wenn Fragen als Misstrauen interpretiert werden und wenn Kritik als Angriff empfunden wird. Vor allem sollte man dann genauer hinschauen, wenn immer neue Geschichten erzählt werden, anstatt einfache Antworten zu konkreten Fragen zu geben.
Wer ehrlich arbeitet, braucht davor keine Angst zu haben. Transparenz ist kein Risiko, sondern der stärkste Verbündete der Glaubwürdigkeit. Und noch etwas sei an dieser Stelle angebracht.
Jene Menschen, die glauben, andere mit großen Versprechen, imposanten Zahlen oder künstlich aufgebautem Vertrauen dauerhaft beeindrucken zu können, sollten bedenken, dass das alles vielleicht eine gewisse Zeit gut funktioniert.
Doch am Ende bleibt immer dieselbe Frage. Nicht, wie beeindruckend eine Geschichte erzählt wurde, sondern wie viel davon einer unabhängigen Prüfung standhält. Denn eines hat sich in all den Jahren journalistischer Arbeit immer wieder bestätigt. Die Wahrheit hält immer jeder Prüfung stand. Und die Realität hält irgendwann jede noch so große Geschichte wieder ein. Und gerade deshalb endet nicht jede Geschichte mit Erfolg. Manche enden mit Ermittlungsakten, Gerichtssälen oder der Erkenntnis, dass Vertrauen das Wertvollste ist, was ein Mensch besitzt und zugleich das Gefährlichste, wenn er es dem Falschen schenkt.


