Erschöpfung - Warum wir funktionieren, obwohl wir längst nicht mehr können
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Es ist nicht der Zusammenbruch, der uns Menschen prägt. Nein, es ist nur etwas Schwaches, das kaum auffällt, da es sich leicht in den Alltag einfügt. Es ist der Zustand der dauerhaften Funktionsfähigkeit, nur ohne die innere Beteiligung.


So steht man auf, erledigt etwas, das zu erledigen ist. Man antwortet, weil es eine Frage im Raum gibt, die nun einmal beantwortet werden muss. Dann organisiert man hier fleißig und plant dort alles gut vor. Und wenn man schon so viel strukturiert hat und schon verbindliche Zeiten festgelegt hat, dann hält man die Termine auch ein, erfüllt die Verpflichtungen und bedient die Erwartungen, so wie es sich eben anstandsmäßig gehört.

Von außen betrachtet gibt es da auch zunächst keinen Anlass, hieran etwas zu hinterfragen. Ganz im Gegenteil ist es doch so, dass alles prima läuft. Stunde für Stunde, Tag ein, Tag aus, Woche für Woche, Monat für Monat, so wie es pflichtgemäß laufen soll, ohne dass man sich hiervon beeindrucken lassen sollte.

Doch gerade darin liegt die wahre Täuschung. Denn das, was dabei verloren geht, ist nicht die Leistung. Es ist vielmehr die Verbindung zu ihr.
Schließlich haben wir gelernt, die Belastung nicht mehr als eine Ausnahme zu begreifen, sondern eher als einen Grundzustand. Dass wir der Belastung die Bedeutung verändert haben, liegt aber nicht daran, dass diese uns zwanghaft aufgesetzt wurde, sondern daran, dass sich die Belastung im Laufe der Jahre immer mehr normalisiert hat.

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Dadurch hat sich das Verständnis dafür von vorübergehend auf regelmäßig verschoben. Denn produktiv zu sein, ist längst keine besondere Anforderung mehr von außen, die gesetzt wird. Produktivität ist inzwischen zu einer bewussten inneren Haltung geworden. Wir haben sie uns als ein Maßstab aufgesetzt, an dem wir uns selbst bewerten können.

Daher stellen wir uns auch längst nicht mehr nur die Frage, ob wir funktionieren, denn das ist inzwischen ein längst geschriebenes Gesetz. Somit stellt sich für uns nur noch die Frage danach, wie gut wir denn tatsächlich funktionieren.
Doch diese Verschiebung hat gewisse Konsequenzen. Denn sie verändert nicht nur unser Verhalten, sondern auch unser Empfinden. So verstehen wir die Müdigkeit nicht mehr als ein Signal, sondern vielmehr als eine Schwäche, die nicht einfach  mal hingenommen werden kann. Und wenn wir von Überforderung reden, dann reden wir längst nicht mehr als eine Grenze darüber, sondern eher als ein persönliches und inakzeptables Versagen. Selbst unsere Zweifel erscheinen nicht mehr als Teil eines Prozesses, sondern als eine erhebliche Störung, die es nur irgendwie zu beheben gilt.
Was schließlich früher Anlass zur Pause gewesen wäre, wird heute wahrlich zur Optimierungsaufgabe, in der man es schafft, seine eigenen Grenzen zu knacken und damit über sich hinauszuwachsen.
Dabei ist jedoch die eigentliche Erschöpfung kaum sichtbar und daher auch nicht wirklich wahrzunehmen. Sie zeigt sich nicht mit einem klaren erkennbaren Bruch an, vielmehr spiegelt sie sich in der abnehmenden Fähigkeit, sich über etwas zu freuen, wider. Daher führt man Gespräche, ohne dass sie bewusst wahrgenommen werden oder man erlebt Momente, die jedoch keine wahren Spuren hinterlassen.

Und diese Müdigkeit verschwindet auch nicht so einfach, auch wenn man sich genug ausschläft.
Aber selten wird diese Müdigkeit als eine Form der Erschöpfung wahrgenommen oder als solche bezeichnet, da sie so schwer zu greifen ist. Schließlich gilt der, der zwar erschöpft oder müde ist, aber weiterhin noch funktioniert, längst nicht belastet. Vielmehr wird er als zuverlässig verstanden, was aber in Wahrheit auch von ihm erwartet wird. Aber gerade hier liegt die Ironie, denn die Fähigkeit, trotz der inneren Leere weiterzumachen, wird nicht als ein Warnsignal verstanden, sondern als eine Stärke.
Eine Gesellschaft, die diese Form des Durchhaltevermögens belohnt, produziert zwangsläufig Menschen, die ihre eigenen Grenzen übergehen, ohne es zu bemerken. Denn sie passen sich „nur“ an das System an und verspüren dabei nicht einen Zwang oder Druck, da dies nach dem System der „Standard“ ist, dem sie sich ausgesetzt fühlen. Und da wo es darum geht, nur dem „Standard“ gerecht zu werden, kann man nicht von einem Druck oder einem Zwang reden. Schließlich geht es hier einfach nur um die schlichte alltägliche Normalität aller.
Doch der eigentliche Knackpunkt könnte genau hierin liegen. Wir betrachten uns ausschließlich aus der Perspektive von Leistung, so wie wir es nun mal von dem System gelernt haben. Es geht also nicht mehr um die Frage „Wie geht es mir?“, sondern nur noch um die Frage „Funktioniere ich noch?“
Und solange die Antwort darauf „ja“ lautet, bleibt auch alles andere zweitrangig, da es zur Nebensache wird und an Bedeutung verliert.
Es wäre viel zu einfach, darin nur äußere Bedingungen zu sehen. Letztlich ist die Dynamik komplexer, als man annehmen würde. Denn sie entsteht auch dort, wo niemand direkt fordert, da die Erwartungen längst verinnerlicht wurden und die Selbstoptimierung längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist. So ist der Druck nicht immer sichtbar, weil er oft keinen klaren Ursprung mehr hat. Er ist einfach nur da.
Die Folge ist somit ein Zustand, in dem vieles gleichzeitig geschieht:
Wir Menschen leisten, wir organisieren, wir bewältigen; gleichzeitig verlieren wir dabei unmerklich den Zugang zu uns selbst. Doch diesen Verlust erkennen wir nicht, da sie nur schrittweise geschieht. Und gerade deshalb bleibt es lange unbemerkt.


Die Frage, die sich für uns stellt, ist daher nicht, wann dieser Zustand kippt. Denn er kippt nicht zwangsläufig schlagartig, sondern ist ein unbemerkter schleichender Prozess.
Die eigentliche Frage ist also eine andere:
„Was passiert mit einem Leben, das dauerhaft im Modus des Funktionierens stattfindet?
Was geht eigentlich verloren, wenn das, was wir tun, nicht mehr mit dem übereinstimmt, was wir dabei empfinden?
Und ab welchem Zeitpunkt wird ein Alltag, der nach außen stabil wirkt, nach innen leer?“

Vermutlich beginnt eine Veränderung nicht mit einer großen Entscheidung oder einem radikalen Bruch, wie wir es für gewöhnlich annehmen. Sie beginnt aber gewiss mit der Bereitschaft, die eigene Funktionsfähigkeit nicht länger als Beweis für Stabilität zu verstehen, sondern eher als eine Frage.  Schließlich ist das eigentliche Problem nicht, dass wir funktionieren, sondern, dass wir es tun, ohne es noch zu hinterfragen.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel