Sie Nacht, die Spuren hinterlässt
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Über so manche Gewohnheiten, die wir bemerken, sprechen wir seehr oft und über andere weniger. Der Schlaf gehört zu den weniger besprochenen Gewohnheiten. Denn während wir über Ernährung, Bewegung, Stress, Weiterbildung, Vorsorgeuntersuchungen und gelegentlich sogar über unsere Bildschirmzeit sprechen oder sie bewussterleben, führen die Stunden zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen ein merkwürdiges, schwer greifbares Eigenleben. Fast jeder verbringt rund ein Drittel seines Lebens schlafend, und dennoch behandeln viele Menschen ihren Schlaf wie einen Termin, den man bei Bedarf verschiebt, verkürzt oder ganz ausfallen lässt.

Das dürfte eine der größten Fehleinschätzungen unserer Zeit sein.

Der Schlaf für viele mittlerweile zum verhandelbaren Gut geworden. Die Nacht wird verlängert, weil noch eine Serie wartet, weil Nachrichten beantwortet werden wollen, vielleicht auch weil die Gedanken nicht abschalten, oder aber weil man endlich einmal Zeit für sich selbst hat, nachdem der Tag bereits alle Aufmerksamkeit verschlungen hat.

Die Wissenschaft beschäftigt sich inzwischen nicht mehr nur mit der Frage, wie lange Menschen schlafen. Immer stärker rückt in den Mittelpunkt der Bereich, wie sie schlafen. Denn zwei Menschen können dieselbe Anzahl von Stunden im Bett verbringen und dennoch völlig unterschiedliche Auswirkungen auf Körper und Gehirn erleben.

Lange Zeit wurde Schlaf vor allem in Zahlen gemessen. Sechs Stunden oder acht Stunden oder gar noch mehr. Doch das Gehirn scheint wesentlich anspruchsvoller zu sein. Es interessiert sich offenbar weniger für die reine Dauer als für Regelmäßigkeit, Qualität und die innere Ordnung unserer Nächte.

Wer seinen Schlafrhythmus ständig verschiebt, erlebt häufig etwas, das viele kennen. Unter der Woche klingelt der Wecker früh, am Wochenende wird ausgeschlafen. Auf den ersten Blick wirkt das vernünftig. Schließlich holt man vermeintlich nach, was verloren gegangen ist. Doch für das Gehirn ist ein solcher Rhythmus nicht immer so erholsam, wie er sich anfühlt.

Unser Körper besitzt eine Art innere Uhr. Sie arbeitet ununterbrochen, steuert Hormone, Körpertemperatur, Stoffwechselvorgänge, Aufmerksamkeit und zahlreiche Prozesse, die uns im Alltag gar nicht bewusst sind. Wird diese Uhr ständig neu gestellt, gerät sie zunehmend aus dem Takt. Denn das Gehirn liebt Verlässlichkeit, da viele biologische Abläufe auf eine Regelmäßigkeit angewiesen sind.

Demnach deuten aktuelle Erkenntnisse darauf hin, dass bestimmte Schlafmuster langfristig mit Veränderungen im Gehirn zusammenhängen könnten. Dabei geht es nicht darum, gelegentlich spät ins Bett zu gehen oder nach einer langen Feier einmal auszuschlafen. Das Leben besteht schließlich nicht aus Laborbedingungen. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, was über Jahre hinweg zur Gewohnheit wird.

Besonders auffällig ist dabei, dass viele Menschen Schlaf als passive Phase betrachten. Tatsächlich gehört er zu den aktivsten Zuständen unseres Körpers. Während wir schlafen, sortiert das Gehirn Erinnerungen, verarbeitet Eindrücke, stabilisiert Lerninhalte. In dieser Phase kommunuzieren Nervenzellen miteinander, die Verbindungen werden gestärkt oder abgeschwächt, und die Stoffwechselprodukte werden abtransportiert. Das Gehirn arbeitet also nachts nicht weniger, sondern schlicht auf andere Weise.

Das erklärt auch, warum sich schlechter Schlaf oft nicht sofort bemerkbar macht. Niemand wacht morgens auf und registriert bewusst, dass seine Nervenzellen heute etwas weniger effizient arbeiten als gestern. Die Auswirkungen entstehen erst schleichend. So lässt die Konzentration nach,  Namen fallen einem später ein und Entscheidungen wirken anstrengender. Die Stimmung wird empfindlicher, und natürlich wird auch die Geduld kürzer. Viele schreiben solche Veränderungen dem Alter zu.

Doch Alter ist ein interessantes Wort. Es beschreibt nicht nur die Anzahl vergangener Jahre, sondern auch die Spuren, die sie hinterlassen haben.

Immer häufiger beschäftigen sich Forschende deshalb mit der Frage, ob biologisches Alter und tatsächliches Lebensalter überhaupt identisch sind. Genetik, Ernährung, Bewegung, Bildung, soziale Kontakte und gesundheitliche Faktoren spielen eine Rolle. Doch auch der Schlaf scheint in diesem Geflecht ein wichtiger, oft sogar  unterschätzter Baustein zu sein.

Guter Schlaf verkauft sich schlecht in einer Welt, die auf Optimierung ausgerichtet ist. Niemand postet begeistert ein Foto davon, dass er gestern pünktlich ins Bett gegangen ist. Es gibt keine Trophäen für regelmäßige Schlafenszeiten, keine Likes für einen ausgeglichenen Rhythmus. Und doch könnte genau das eine der wirksamsten Investitionen in die eigene Zukunft sein.

Schlaf als Pause zu betrachten greift daher viel zu kurz. Er ist keine verlorene Zeit, sondern die Bedingung, unter der vieles andere erst möglich wird, denn die Aufmerksamkeit, Kreativität, emotionale Stabilität, Lernfähigkeit und Gedächtnis hängen eng mit ihm zusammen.

Auffällig ist auch, wie stark Schlaf unsere Wahrnehmung verändert. Denn nach einer erholsamen Nacht erscheinen Probleme oft lösbarer, auch die Konflikte verlieren an Schärfe und ebenso fallen Entscheidungen leichter. Umgekehrt jedoch kann eine schlechte Nacht selbst die kleinsten Herausforderungen überraschend groß erscheinen lassen. Das Gehirn bewertet die Welt nicht unabhängig von seinem Zustand, sondern immer durch den Filter seiner eigenen Belastbarkeit.

Wir neigen also dazu, unser Leben über das zu definieren, was wir tagsüber tun. Über Arbeit, Ziele, Leistungen und Pläne. Doch ein erheblicher Teil dessen, was uns ausmacht, entsteht in den Stunden, in denen wir vermeintlich nichts tun. Was von einem Tag bleibt, wie wir ihn verarbeiten und wie belastbar wir am nächsten Morgen aufwachen, das entscheidet sich in der Nacht.

Die Frage nach einem gesunden Gehirn beginnt deshalb nicht erst im Alter, nicht erst beim Arzt und nicht erst dann, wenn die ersten Probleme auftreten. Sie stellt sich jeden Abend aufs Neue.

Von Kamuran Cakir

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