Das Steuer, das wir nie ganz halten
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Jeder trägt Überzeugungen in sich, an die er nicht täglich denkt und trotzdem sie täglich lebt. Mal ist es die Art, wie jemand auf eine Absage reagiert. Oder es ist die Reaktion, ob jemand nach einer Niederlage analysiert oder sich fügt. Ob jemand, dem das Leben eine Rechnung schickt, nach einem Fehler sucht, bei sich selbst, bei anderen oder im System. All das hat weniger mit Charakter zu tun, als wir meinen, und mehr mit einer einzigen, tiefgreifenden psychologischen Grundhaltung. Es ist der Glaube daran, ob das eigene Leben wirklich von einem selbst abhängt.

Die Psychologie nennt das Kontrollüberzeugung. Gemeint ist damit nicht mehr und nicht weniger als die Antwort auf die innerste aller Fragen: „Bin ich die Ursache meines Lebens, oder bin ich sein Produkt?“

Wer internal kontrolliert denkt, glaubt an die eigene Handlungsfähigkeit. Wer external kontrolliert denkt, überlässt Schicksal, Zufall oder anderen Menschen das letzte Wort. Beide Haltungen prägen, wie jemand mit Stress umgeht, wie schnell er sich von Krisen erholt, wie er altert und was er von der Welt erwartet. Jahrzehnte psychologischer Forschung zeigen, dass derjenige, der glaubt, selbst etwas bewirken zu können, tatsächlich mehr bewirkt, undzwar messbar oft.

Was eine umfangreiche Langzeitauswertung nun für Deutschland zeigt, geht über diese bekannte Forschungslage hinaus, nicht weil sie die Grundthese widerlegt, sondern weil sie zeigt, dass sich diese Überzeugungen im Laufe der Zeit verschieben. Mehr als 42.000 Menschen wurden über zwei Jahrzehnte hinweg im Rahmen des Sozioökonomischen Panels regelmäßig befragt. Das Ergebnis ist mit dem Wort „Wandel“ schon erklärt. Denn jüngere Geburtsjahrgänge berichten durchweg stärkere innere Kontrollüberzeugungen als ältere und behalten dieses Gefühl auch ins höhere Alter. Es ist eine Gesellschaft, die kollektiv ein wenig mehr an sich selbst zu glauben beginnt.

Woher kommt das? Eine einzelne Erklärung wäre zu glatt für ein so vielschichtiges Phänomen. Wahrscheinlicher ist ein Zusammenspiel aus einer Bildungsexpansion, die mehr Menschen den Zugang zu Wissen und damit zu dem Gefühl öffnete, Zusammenhänge zu verstehen und beeinflussen zu können und eine Arbeitswelt, die Eigenverantwortung nicht nur fordert, sondern inzwischen auch belohnt.

Besonders aufschlussreich ist, was die Studie über Frauen herausarbeitet. Über Jahrzehnte lag die gemessene Kontrollüberzeugung von Frauen im Durchschnitt unter der von Männern. Das war ein Befund, der sich weniger aus psychologischen Unterschieden erklären ließ als aus gesellschaftlichen, also aus einem engerem Zugang zu Bildung, aus Berufsbiographien, die oft von äußeren Strukturen abhingen statt von eigenen Entscheidungen und aus einer Welt, die Frauen weniger Handlungsspielraum ließ und damit auch weniger das Gefühl, wirklich zu lenken. Heute hat sich diese Lücke messbar verkleinert. Dies geschah nicht durch Selbstsuggestion oder durch Empowerment-Rhetorik, sondern weil sich die Verhältnisse, zwar noch langsam und unvollständig, aber dennoch real, verändert haben.

Noch aufschlussreicher ist der sogenannte Ost-West-Befund bzw. das, was von ihm übrigbleibt, wenn man genauer hinschaut. Menschen aus Ostdeutschland berichteten in Umfragen lange niedrigere Kontrollüberzeugungen als Westdeutsche, und das wurde gerne als psychologische Nachwirkung jahrzehntelanger politischer Entmündigung interpretiert, als kollektives Erbe einer Gesellschaft, in der individuelle Gestaltungsmacht strukturell begrenzt war. Die Studie zeichnet ein differenzierteres Bild. Sobald Einkommensunterschiede herausgerechnet werden, kehrt sich der Befund um, und die Menschen aus dem Osten berichten dann im Schnitt sogar höhere Kontrollüberzeugungen als vergleichbare Einkommensgruppen im Westen. Was lange wie ein mentales Muster aussah, war womöglich vor allem ein materielles. Wer weniger Geld hat, macht andere Erfahrungen und aus Erfahrungen entstehen Überzeugungen, nicht umgekehrt.

Hier liegt der unbequemste Gedanke, den diese Daten aufwerfen. Denn während das generelle Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft gestiegen ist, zeigt die Studie gleichzeitig, dass bestimmte Lebensereignisse heute schärfer in dieses Vertrauen einschneiden als früher. Arbeitslosigkeit, Behinderung, schwere Erkrankung, wer tief überzeugt ist, sein Leben selbst zu führen, trifft auf solche Momente mit einer besonderen Wucht. Das Gefühl, das Steuer in der Hand zu halten, macht den Kontrollverlust nicht kleiner. Es macht ihn größer. Psychologen beschreiben das als gesteigerte Vulnerabilität durch hohe Kontrollorientierung, ein Paradox, das in der heutigen Hochleistungs- und Selbstoptimierungskultur kaum thematisiert wird. Denn je mehr wir glauben, alles gestalten zu können, desto schwerer fällt es uns, wenn wir scheitern an dem, was sich eben nicht gestalten lässt.

Das ist jrtzt kein Argument gegen die Selbstwirksamkeit. Es ist aber eine Einladung zur Ehrlichkeit. Die Überzeugung, das eigene Leben in der Hand zu haben, ist keine Persönlichkeitseigenschaft, die man entweder besitzt oder eben nicht. Sie entsteht schlicht aus Erfahrungen, aus Strukturen, aus dem, was eine Gesellschaft ihren Mitgliedern ermöglicht oder verweigert. Wer das bedenkt, urteilt anders über Menschen, die resigniert wirken. Und vielleicht auch anders über Momente, in denen man selbst resigniert.

Was bleibt, ist keine einfache Botschaft. Die Deutschen glauben heute mehr an sich selbst als vor zwanzig Jahren,  das ist erstmal die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die, dass nicht alle davon gleichermaßen profitieren, und das Steuer, das wir zu halten glauben, ist mitunter mehr Illusion als Werkzeug. Beides stimmt zur gleichen Zeit, und beides verdient Beachtung. Denn eine Gesellschaft, die Selbstwirksamkeit feiert, ohne die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie wirklich entstehen kann, verwechselt Überzeugung mit Wirklichkeit. Das ist ein Fehler, der sich auf Dauer nicht wegglauben lässt.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel