Wenn der Bildschirm Gefühle übernimmt
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Der Bildschirm hat sich längst einen besonderen Platz im Familienleben erobert. Mal ist er Spielzeug und Babysitter, mal ein Lernmittel oder ein Trostspender und manchmal sogar die letzte verfügbare Notlösung eines langen Tages. Vor allem aber besitzt er eine Fähigkeit, die für die Eltern beinahe schon  magisch wirken kann, indem er die Unruhe in Stille verwandelt. Mit nur einem Wischen oder einer vertrauten Melodie sitzt plötzlich ein Kind mit großen Augen und einer erstaunlichen Ruhe, wo eben noch geschrien, gestrampelt oder verhandelt wurde. So ist der Frieden auch schnell wieder da. Aber wem gehört dieser Frieden eigentlich?

Schließlich bedeutet nicht jede Ruhe, dass ein Kind auch innerlich wirklich zur Ruhe gekommen ist. Manchmal wurde seine Aufregung lediglich überdeckt, ohne dessen Ursache zu beseitigen. Das Gefühl ist noch da, aber es wird von Farben, Bewegungen und kleinen digitalen Belohnungen überstrahlt. Für erschöpfte Eltern ist das zunächst keine wissenschaftliche Frage, sondern eine sehr praktische Erleichterung. Wer seit zwanzig Minuten versucht, ein wütendes Kleinkind anzuziehen, während das Essen anbrennt, das Telefon klingelt und ein Geschwisterkind seine Trinkflasche nicht findet, führt keiner eine Grundsatzdebatte über Medienpädagogik. Er möchte nur, dass für einen Moment niemand schreit.

Genau deshalb ist die Diskussion über Kinder und Bildschirme so schnell ungerecht. Sie wird häufig geführt, als gäbe es auf der einen Seite verantwortungsvolle Eltern mit Holzspielzeug, Bilderbüchern und unerschöpflicher Geduld und auf der anderen Seite jene, die ihrem Kind gedankenlos ein Smartphone in die Hand drücken. Das wirkliche Familienleben kennt diese saubere Trennung aber gar nicht. Dort gibt es vielmehr Schlafmangel, Zeitdruck, Krankheit, Geldsorgen, Geschwisterstreit und vor allem Tage, an denen selbst liebevolle Menschen nur noch aus Kaffee, schlechtem Gewissen und organisatorischer Improvisation bestehen.

Ein Bildschirm kann in solchen Momenten tatsächlich helfen. Er kann eine notwendige Pause schaffen, eine lange Fahrt erträglicher machen oder Eltern ermöglichen, zehn Minuten lang zu duschen, ein wichtiges Gespräch zu führen oder einfach wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Medien sind letztlich nicht automatisch Gegner einer gesunden Kindheit, denn entscheidend ist weniger, ob ein Bildschirm vorkommt, sondern welche Aufgabe er im Leben eines Kindes tatsächlich übernimmt. Wird er gelegentlich genutzt, oder wird er zur Standardantwort auf jedes unangenehme Gefühl? Ist er ein Werkzeug unter vielen, oder ist er der einzige Schlüssel, der noch in das Schloss der kindlichen Beruhigung passt?

Kinder kommen nicht mit fertiger Selbstbeherrschung zur Welt. Ein Kleinkind kann Wut nicht höflich in einen inneren Besprechungsraum bitten und dort sachlich auswerten. Es erlebt Gefühle mit dem ganzen Körper und so kann sich eine Enttäuschung  wie eine Katastrophe anfühlen. Erst nach und nach lernt ein Kind, einen Impuls auszuhalten, seine Aufmerksamkeit zu verlagern, eine Enttäuschung zu überstehen und zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu wählen. Diese Fähigkeiten gehören zu den sogenannten exekutiven Funktionen.

Diese Fähigkeiten entstehen nicht allein durch eine Belehrung. Sie wachsen in unzähligen kleinen Momenten, in denen ein Kind seine innere Unordnung nicht sofort loswird, aber von einem Erwachsenen hindurch begleitet wird, wie wenn es lernt, dass Gefühle unangenehm sein können, ohne gefährlich zu sein, und dass sie sich verändern, auch wenn niemand sie wegwischt.

Genau an dieser Stelle wird die Nutzung digitaler Medien zur Beruhigung interessant. Denn aktuelle Langzeituntersuchungen deuten darauf hin, dass zwischen kindlicher Selbstregulation und elterlicher Mediennutzung ein wechselseitiger Prozess entstehen kann. Kinder, denen es schwerer fällt, sich zu beruhigen oder ihre Impulse zu kontrollieren, erhalten häufiger einen Bildschirm, weil ihre Eltern verständlicherweise nach einer wirksamen Entlastung suchen. Wird der Bildschirm jedoch sehr oft zum wichtigsten Mittel gegen Unruhe, bekommt das Kind möglicherweise weniger Gelegenheiten, andere Wege der Regulation einzuüben. Dadurch kann es ihm weiterhin schwerfallen, Frust, Langeweile oder starke Gefühle auszuhalten, was wiederum den nächsten Griff zum Gerät wahrscheinlicher macht.

Das ist keine einfache Ursache-Wirkungs-Geschichte und schon gar kein Beweis dafür, dass ein bestimmtes Video die Selbstkontrolle eines Kindes beschädigt, denn Kinder unterscheiden sich stark voneinander. Manche reagieren empfindlicher auf Reize, manche finden Übergänge besonders schwierig und andere wiederum sind impulsiver, hartnäckiger oder emotional intensiver. Auch die Situation der Eltern spielt dabei eine erhebliche Rolle, denn  depressive Phasen, chronischer Stress, fehlende Unterstützung oder ständige Überforderung der Eltern können dazu führen, dass schnelle digitale Hilfe häufiger benötigt wird. Wer kaum eine eigene Kraft zur Verfügung hat, kann einem Kind nur schwer geduldig beim Sortieren seiner Gefühle helfen. Ein leerer Akku lädt keinen anderen Akku auf, auch dann nicht, wenn auf sämtlichen Ratgeberseiten steht, wie wichtig gemeinsames Atmen und ein ruhiger Tonfall wären.

Die Forschung verschiebt deshalb ihren Blick zunehmend weg von der bloßen Anzahl der Bildschirmminuten. Früher galt die öffentliche Achtsamkeit hauptsächlich der Frage, wie viel Bildschirmzeit denn zu viel ist. Aber eine Stunde ist nicht immer dieselbe Stunde, denn ein ruhiges, altersgerechtes Programm, das ein Kind gemeinsam mit einem Erwachsenen anschaut und über dessen Inhalt anschließend gesprochen wird, wirkt anders als ein endloser Strom schneller, greller Kurzvideos. Ein Videotelefonat mit den Großeltern ist etwas anderes als ein Spiel, das mit blinkenden Belohnungen, automatischem Weiterspielen und künstlichem Zeitdruck jede Unterbrechung möglichst unattraktiv macht. Auch der Zeitpunkt verändert die Wirkung, da ein Bildschirm am frühen Nachmittag nicht dasselbe ist wie ein aufgeregtes Spiel kurz vor dem Schlafengehen. Solche Medienzeit, die die Bewegung, das freie Spielen, die Gespräche und den Schlaf verdrängt, ist anders zu bewerten als die  Medienzeit, die in ein insgesamt vielfältiges Leben eingebettet bleibt.

Auch die Absicht ist dabei sehr wichtig. Letztendlich darf ein Kind sich mit einem Film entspannen, schließlich tun Erwachsene Ähnliches und nennen es Feierabend. Problematisch wird es eher dann, wenn jedes Gefühl sofort medial behandelt wird, wenn beispielsweise bei Traurigkeit eine Serie folgt, bei Wut ein Video und bei Ungeduld das Smartphone. Dann kann sich unbemerkt die Botschaft einschleichen, dass eine innere Unruhe möglichst schnell verschwinden müsse und allein kaum auszuhalten sei. Dabei ist die Selbstregulation kein Zustand ständiger Gelassenheit, und sie bedeutet nicht, dass man niemals wütend, gelangweilt oder enttäuscht sein darf. Sie bedeutet, mit diesen Zuständen umgehen zu können, ohne dass jedes Mal eine äußere Reizmaschine dies übernehmen muss.

Zudem sollte uns bewusst sein, dass der Bildschirm nicht immer auf dieselbe Weise beruhigt, wie ein Mensch für gewöhnlich beruhigt. So nimmt ein vertrauter Erwachsener ein Gefühl wahr, reagiert darauf, verändert seine Stimme, und tröstet oder setzt eine Grenze. Diese Form der gemeinsamen Regulation ist lebendig und wechselseitig. Das Kind erlebt, dass jemand seine Aufregung aushält, dass jemand bei ihm  bleibt, auch wenn es gerade schwierig ist. Nach und nach übernimmt es Teile dieser Erfahrung in sein eigenes inneres Repertoire. Ein digitales Angebot kann Aufmerksamkeit fesseln, aber es versteht nicht, warum ein Kind traurig ist. Es merkt nicht, ob hinter dem Wutanfall eigentlich Hunger, Überforderung, Eifersucht oder das Bedürfnis nach Nähe steckt. Es kann die Oberfläche glätten, doch die eigentliche Botschaft des Gefühls bleibt häufig ungelesen.

Trotzdem muss aus dem Smartphone kein pädagogischer Bösewicht gemacht werden. Es plant weder den Untergang der Kindheit noch die Zerstörung familiärer Beziehungen. Die Verantwortung liegt allerdings auch nicht ausschließlich bei einzelnen Eltern. Viele digitale Angebote sind so gestaltet, dass Kinder möglichst lange dabeibleiben. Automatisches Abspielen, rasche Bildwechsel, tägliche Belohnungen und kleine Verluste beim Beenden sind keine zufälligen Nebeneffekte, sondern häufig Teil eines Geschäftsmodells. Von einem vierjährigen Kind zu erwarten, es solle sich gegenüber solchen Mechanismen vernünftig selbst begrenzen, wäre ungefähr so überzeugend, wie eine offene Süßigkeitenschublade ins Kinderzimmer zu stellen und anschließend auf Charakterstärke zu hoffen.

Deshalb greift auch der Rat, Eltern müssten eben konsequenter sein, zu kurz. Natürlich brauchen Kinder Grenzen. Doch Grenzen werden leichter, wenn Produkte kindgerecht gestaltet sind, Familien nicht dauerhaft unter Druck stehen und es erreichbare Alternativen gibt. Ein sicherer Spielplatz in der Nähe, bezahlbare Freizeitangebote, verlässliche Betreuung, unterstützende Verwandte und ausreichend Zeit verändern Mediengewohnheiten vermutlich stärker als ein weiterer mahnender Flyer. Wo Gemeinschaft fehlt, übernimmt Technik schnell Aufgaben, die früher auf mehrere Schultern verteilt waren.

Für Familien kann es hilfreich sein, nicht nur die Dauer der Nutzung zu betrachten, sondern den Moment davor und danach. Was geschieht unmittelbar bevor das Gerät eingeschaltet wird? Ist das Kind müde, hungrig, überreizt, gelangweilt oder aufgebracht? Und wie verhält es sich, wenn der Bildschirm wieder ausgeht? Kann es zurück ins Spiel finden, oder kippt die Stimmung regelmäßig in einen heftigen Protest? Wird die Nutzung häufig verlängert, weil das Ende für alle Beteiligten unangenehm ist? Solche Beobachtungen sagen oft mehr aus als eine exakt gestoppte Minutenzahl.

Ebenso aufschlussreich ist die Frage, welche anderen Beruhigungswege ein Kind kennt. Kann es Nähe suchen, erzählen, weinen, sich bewegen, in eine Decke kriechen oder für einen Moment allein sein? Nicht jede Methode passt zu jedem Kind. Manche brauchen Worte, andere zunächst Bewegung. Einige beruhigen sich durch Druck und Körperkontakt, andere möchten gerade nicht angefasst werden. Ein Kind, das vor Wut beinahe platzt, ist für vernünftige Erklärungen meist ungefähr so empfänglich wie ein Rauchmelder für gute Argumente. Erst muss die körperliche Erregung sinken, dann kann gesprochen werden. Die elterliche Kunst liegt gerade darin, nicht jedes Gefühl sofort zu lösen, aber dem Kind zu helfen, es zu überstehen.

Auch Langeweile verdient eine freundlichere Betrachtung. Sie gilt im modernen Familienalltag beinahe als Panne, die schnell behoben werden muss. Dabei ist sie oft nur der leere Raum vor einer eigenen Idee. Dieser Raum fühlt sich zunächst unbequem an. Ein Kind läuft herum, seufzt, erklärt sein Leben für unerträglich und fragt im Abstand von wenigen Sekunden, was es machen soll. Wird diese Leerstelle nicht sofort mit Unterhaltung gefüllt, beginnt das Gehirn jedoch häufig selbst zu arbeiten. Aus einem Karton wird ein Raumschiff, aus einem Handtuch ein Königsmantel und aus einer halben Stunde ohne Programm eine erstaunlich komplizierte Welt. Kreativität tritt selten mit Fanfaren ein. Meist erscheint sie zuerst als lästige Unruhe.

Eltern dürfen dabei auch ihre eigene Bildschirmnutzung betrachten, allerdings ohne sich in Selbstanklagen zu verlieren. Kinder lernen nicht nur durch Regeln, sondern durch Atmosphäre. Ein Esstisch, an dem alle Erwachsenen bei jedem Signalton zum Telefon greifen, vermittelt eine deutlichere Botschaft als jede feierliche Rede über Medienkompetenz. Gleichzeitig müssen Erwachsene erreichbar sein, arbeiten, Termine organisieren und Nachrichten beantworten. Entscheidend ist nicht digitale Reinheit, sondern die Verständlichkeit. Ein Satz wie „Ich beantworte gerade eine berufliche Nachricht und lege das Handy danach weg“ macht den Zweck sichtbar. Für ein Kind sieht konzentrierte Arbeit am Smartphone schließlich genauso aus wie zielloses Scrollen.

Vielleicht besteht ein zeitgemäßer Umgang mit Bildschirmen deshalb weniger aus perfekten Regeln als aus bewussten Unterschieden. Es gibt Medien, die verbinden, und solche, die vereinzeln. Es gibt Inhalte, die Gedanken anregen, und solche, die nur den nächsten Reiz vorbereiten. Es gibt die gemeinsame Folge einer Serie, über die später gelacht wird, und das achtlos überreichte Gerät, das jedes Gespräch beendet. Es gibt notwendige Entlastung und automatisierte Gewohnheit. Entscheidend ist daher nicht, ob eine Familie jemals zur digitalen Beruhigung greift. Entscheidend ist, ob sie noch andere Antworten besitzt.

Ein hilfreicher Anfang kann darin liegen, einzelne bildschirmfreie Inseln zu schaffen, statt den gesamten Alltag mit Verboten zu überziehen. Mahlzeiten, kurze Wege, das Zubettgehen oder die ersten Minuten nach dem Heimkommen eignen sich dafür häufig besser als ein kompliziertes Regelwerk. Übergänge sollten angekündigt werden, weil ein abruptes Ende gerade für kleine Kinder schwer ist. Gemeinsam ausgewählte Inhalte sind günstiger als ein endloser, algorithmisch zusammengestellter Strom. Und wenn ein Bildschirm bewusst zur Entlastung eingesetzt wird, darf dies auch so benannt werden: „Heute war ein anstrengender Tag, wir brauchen gerade eine Pause.“ Aus einer Ausnahme muss kein moralisches Drama werden. Aber sie sollte als Ausnahme erkennbar bleiben.

Ebenso wichtig ist die Freiheit, eine ungünstige Gewohnheit wieder zu verändern. Familien müssen nicht warten, bis sie ein perfektes Medienkonzept entwickelt haben. Sie können beobachten, ausprobieren und nachjustieren. Vielleicht bleibt das Smartphone beim nächsten Wutanfall zunächst liegen, während das Kind auf den Arm genommen wird. Vielleicht wird das Video erst nach dem Arzttermin angeschaut und nicht schon beim ersten Anzeichen von Ungeduld. Vielleicht zeigt sich, dass ein bestimmtes Spiel regelmäßig Streit auslöst, während eine andere Sendung problemlos endet. Medienerziehung ist kein einmal unterschriebener Vertrag, sondern eine fortlaufende Verständigung mit einem Kind, das sich ständig verändert.

Die wertvollste Frage lautet am Ende also nicht: „Wie verhindern wir jeden Bildschirm?“ Sie lautet vielmehr: „Was soll ein Kind lernen, wenn es sich schlecht fühlt? Dass sofort etwas aufleuchtet, damit das Gefühl verschwindet? Oder dass das Gefühl einen Namen bekommt und es langsam kleiner werden darf?“ Zwischen diesen beiden Möglichkeiten liegt kein makelloser Erziehungsweg, sondern ein alltägliches Ringen voller Müdigkeit, Liebe, Fehler und neuer Versuche.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel