Wenn eine gute Tat zur Last wird
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Der Mensch fühlt sich oft gut, wenn er etwas Gutes tut. Doch manchmal kann eine gute Tat, ohne dass man es überhaupt merkt, für den anderen zu einer schweren Last werden. Denn der wahre Wert einer guten Tat zeigt sich nicht nur in dem Moment, in dem wir sie tun, sondern vielleicht noch viel mehr darin, wie wir uns danach verhalten.

Dazu erst einmal eine kurze Geschichte:

Es war ein kalter Tag. Der Himmel war dunkel, und man konnte bereits spüren, dass es gleich regnen würde. Ein Mann ging die Straße entlang und beschleunigte seine Schritte. In diesem Moment fuhr ein Auto vorbei. Am Steuer saß ein Freund von ihm. Er bremste, ließ die Fensterscheibe herunter und rief:

„Komm, ich fahre dich. Gleich fängt es an zu regnen.“

Kaum war der Mann eingestiegen, begann tatsächlich der Regen. Und zwar so heftig, dass die Straßen innerhalb kurzer Zeit voller Wasser standen. Zum Glück hatte ihn sein Freund mitgenommen, und so kam er trocken zu Hause an.
Er stieg aus, bedankte sich und ging.

Es war eigentlich nur ein kleiner, schöner Moment von Freundschaft. Mit der Zeit vergingen Tage und Wochen.

Eines Tages trafen sich die beiden wieder. Derjenige, der ihn damals mitgenommen hatte, lächelte und fragte:

„Das hat dir damals doch sehr geholfen, oder?“

Sein Freund bedankte sich erneut. Und ja, es hatte ihm wirklich geholfen. Doch dabei blieb es nicht.

Beim nächsten Treffen kam das Thema wieder auf. Dann an einem anderen Tag noch einmal.

„Wenn ich dich damals nicht mitgenommen hätte, wie wärst du nur nach Hause gekommen?“

Oder:

„Ohne mich wärst du richtig schlecht dran gewesen.“

Nach und nach war es keine freundliche Erinnerung mehr. Die gute Tat wurde immer mehr wie eine Schuld erzählt, die offenbar nie ganz beglichen werden konnte.

Eines Tages gingen die beiden zusammen an einem Schwimmbad vorbei. Wieder sagte der eine:

„Wenn ich dich damals nicht ins Auto genommen hätte, wer weiß, in welchem Zustand du gewesen wärst.“

Daraufhin blieb der andere plötzlich stehen.

Ohne ein Wort zu sagen, ging er zum Beckenrand und sprang ins Wasser.

Ein paar Sekunden später kam er tropfnass wieder heraus, sah seinem Freund in die Augen und sagte ruhig:

„Siehst du … mehr als so nass wäre ich auch nicht geworden.“

Und vielleicht liegt genau in diesem Satz viel mehr, als es zunächst scheint.

Denn genau hier bricht die Güte.

Wahre Güte ist womöglich jene, die man in dem Moment tut und danach nicht ständig vor sich herträgt. Eine gute Tat, an die der andere immer wieder erinnert wird, verliert irgendwann einen Teil ihrer ursprünglichen Wärme. Aus dem Geschenk wird eine Rechnung, aus der Hilfe eine Verpflichtung und aus Dankbarkeit allmählich eine unsichtbare Schuld.

Vermutlich entscheiden sich manche Menschen genau deshalb irgendwann lieber für ihre Freiheit, als dauerhaft unter dem Schatten einer Güte zu leben, an die sie immer wieder erinnert werden.

Und manchmal möchte ein Mensch dann vielleicht nur noch eines sagen:

„Nimm deinen Lohn dafür … und erinnere mich nicht ständig an das Gute, das du getan hast.“

Doch was erkennen wir eigentlich daraus?

Es gibt Gefälligkeiten, die so leicht beginnen, dass man sie im ersten Moment fast für etwas Selbstverständliches hält. Eine mitgebrachte Tüte, eine mitgenommene Strecke im Auto, ein geliehenes Geldstück, ein offenes Ohr an einem schweren Abend oder eine helfende Hand im genau richtigen Augenblick.

All das wirkt zunächst warm und eben menschlich.

Und tatsächlich lebt unser Zusammenleben von genau solchen Gesten. Kein Mensch kommt durch dieses Leben, ohne irgendwann einmal gehalten, aufgefangen, getragen oder zumindest ein wenig erleichtert worden zu sein.

Das Problem beginnt also nicht bei der Hilfe. Es beginnt oft erst später. Nämlich dort, wo aus einer guten Tat ein gewisses Machtverhältnis entsteht, das niemand unterschrieben hat und das dennoch plötzlich im Raum steht.

Denn Hilfe besitzt eine merkwürdige Doppelstruktur.
Sie kann verbinden, aber sie kann auch markieren. Sie kann Nähe schaffen, aber ebenso ein Gefälle erzeugen.

In dem Moment, in dem ein Mensch einem anderen hilft, befindet er sich für einen Augenblick in einer stärkeren Position. Er besitzt etwas, das der andere gerade benötigt. Das kann Zeit sein, Geld, Kraft, Wissen, Einfluss, Aufmerksamkeit oder einfach nur die Möglichkeit, im richtigen Moment da zu sein. Solange diese Asymmetrie menschlich bleibt, ist daran nichts Problematisches.
Schwierig wird es erst dann, wenn sie konserviert wird. Wenn also aus einem flüchtigen Moment ein dauerhafter innerer Kontoauszug entsteht, auf dem offenbar jede Hilfe fein säuberlich verbucht bleibt.

Dann hat die gute Tat ihre Form verändert. Sie ist nicht mehr nur eine Brücke, sondern plötzlich ein Beweisstück. Sie ist keine Wärme mehr, sondern eine Währung. Man kennt solche Situationen, und meistens erkennt man sie nicht sofort.
Am Anfang klingt es noch freundlich.

„Weißt du noch damals?“

Oder:

„Gut, dass ich da war.“

Das kann vollkommen harmlos gemeint sein, vielleicht sogar scherzhaft. Doch manches wiederholt sich eben nicht zufällig. Und hinter solchen Wiederholungen muss nicht einmal eine bewusst böse Absicht stehen. Viel häufiger ist die Ursache psychologisch alltäglicher und gerade deshalb so interessant. Der Helfende möchte vielleicht gesehen werden. Er möchte gewürdigt werden, vielleicht sogar ein wenig bewundert. Möglicherweise will er einfach nur sicherstellen, dass seine Tat nicht im großen Strom des Alltags untergeht. Und auch das ist zunächst menschlich. Anerkennung zu wollen, ist schließlich nichts Ungewöhnliches. Fast jeder Mensch freut sich darüber, wenn das, was er für einen anderen getan hat, gesehen und geschätzt wird.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Anerkennung, über die man sich freut, und Anerkennung, die man immer wieder einfordert.

Denn sobald Dankbarkeit zu einer dauerhaften Erwartung wird, verändert sich das Verhältnis zwischen zwei Menschen. Und genau hier wird es auch aus psychologischer Sicht besonders interessant.

Der Mensch reagiert sehr sensibel auf unausgesprochene Verpflichtungen. Wir sind nun einmal soziale Wesen. Wir erinnern uns an Gegenseitigkeit, an Fairness und an Ausgleich. Wer etwas bekommt, verspürt häufig ganz automatisch den Wunsch, irgendwann etwas zurückzugeben. Das ist schließlich auch keine Schwäche. Ganz im Gegenteil gehört dieses Prinzip der Gegenseitigkeit zu den Grundbausteinen menschlicher Gemeinschaft. Einer hilft heute, der andere dann vielleicht morgen. Nicht alles muss aufgerechnet werden, weil wir darauf vertrauen, dass Beziehungen auf lange Sicht von einem gewissen Geben und Nehmen getragen werden.

Doch genau dieses natürliche Prinzip kann sich verändern, sobald jemand beginnt, seine Hilfe immer wieder sichtbar zu machen. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, dass der andere dankbar ist. Es geht darum, dass er dankbar bleiben soll. Und das ist etwas völlig anderes.

Dankbarkeit ist eigentlich ein Gefühl. Sie entsteht freiwillig und man empfindet sie, weil man sich an einen Moment erinnert, in dem jemand für einen da war.

Wird sie jedoch ständig eingefordert, verwandelt sie sich langsam in eine Pflicht. Und Gefühle, die zur Pflicht werden, verlieren häufig genau das, was sie ursprünglich wertvoll gemacht hat.

Möglicherweise liegt gerade darin auch der Grund, warum manche Menschen irgendwann beginnen, Hilfe abzulehnen, obwohl sie diese eigentlich gebrauchen könnten. Sie haben eventuell bereits erlebt, dass manche Hilfen später einen Preis bekommen, der vorher nicht genannt wurde. Dieser Preis muss nicht aus Geld bestehen. Manchmal besteht er nur darin, sich jahrelang anhören zu müssen, wer damals für einen da war. Manchmal entsteht die Erwartung besonderer Loyalität. Ein anderes Mal soll man bei einer späteren Meinungsverschiedenheit plötzlich berücksichtigen, was der andere irgendwann einmal für einen getan hat. Und manchmal reicht schon ein einziger Satz:

„Nach allem, was ich für dich getan habe …“

Kaum ein Satz zeigt deutlicher, dass irgendwo im Hintergrund offenbar doch Buch geführt wurde. Daher lohnt es sich, auch die eigene Güte gelegentlich zu prüfen. Nicht nur mit der Frage:

„Habe ich geholfen?“

Sondern auch mit einer zweiten:

„Habe ich den anderen danach wieder freigelassen?“

Denn womöglich liegt genau darin eine besonders stille Form der Großzügigkeit. Etwas für einen Menschen zu tun, sich über seinen Dank zu freuen und die Sache anschließend innerlich loszulassen. Es muss natürlich nicht jede gute Tat gleich vergessen werden. Natürlich dürfen schöne Erinnerungen bleiben und man darf sich auch darüber freuen, einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.

Aber zwischen einer Erinnerung und einer Rechnung liegt ein großer Unterschied.

Die Erinnerung sagt:

„Damals war ich für dich da.“

Die Rechnung sagt:

„Vergiss niemals, dass du mir etwas schuldest.“

Und vielleicht erkennt man wahre Güte gerade daran, dass sie diese zweite Aussage nicht braucht. Denn wer einem Menschen wirklich etwas schenken möchte, schenkt ihm möglicherweise nicht nur die Hilfe selbst, sondern auch die Freiheit danach.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel