Wenn der Arbeitstag stehen bleibt
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Es ist eine eigentümliche Form von Müdigkeit, die viele Menschen erst kennengelernt haben, seit Arbeit immer häufiger dort stattfindet, wo früher Feierabend war. Der Bildschirm wird morgens eingeschaltet und am Abend wieder geschlossen. Dazwischen liegen Videokonferenzen, E-Mails, Tabellen, Telefonate, Entscheidungen. Der Kalender war voll, der Kopf selten leer, und trotzdem bleibt am Ende des Tages das Gefühl zurück, sich kaum bewegt zu haben. Nicht nur körperlich, denn irgendetwas scheint über Stunden hinweg ebenfalls auf der Stelle getreten zu sein.

Ist das eine der unbemerkten Veränderungen unserer Arbeitswelt? Während viel über künstliche Intelligenz, digitale Zusammenarbeit oder die Vier-Tage-Woche diskutiert wird, verschwindet etwas anderes fast unbemerkt aus dem Alltag. Es ist die Bewegung, die früher nie geplant werden musste. Es war der Weg zum Auto, zur Bahn oder ins Büro, das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen auf dem Flur, der Gang zum Drucker oder die Wahl nach der Treppe statt des Aufzugs. Es waren also nicht die sportlichen Leistungen, sondern nur die beiläufigen Unterbrechungen eines Arbeitstages. Heute genügt oft ein Griff zur Maus, um den nächsten Termin zu erreichen.

Erstaunlich ist dabei, wie schnell wir uns daran gewöhnt haben. Der Mensch besitzt wirklich eine besondere Fähigkeit, neue Gewohnheiten als selbstverständlich zu akzeptieren. Was gestern noch Ausnahme war, fühlt sich heute normal an. Doch Normalität sagt nichts darüber aus, ob uns etwas guttut.

Die Forschung zeichnet inzwischen ein immer klareres Bild. Wer sich im Alltag regelmäßig bewegt, scheint nicht nur seinem Körper etwas Gutes zu tun. Auch der Kopf profitiert davon. Menschen, die über den Tag verteilt mehr Schritte sammeln, berichten häufiger von geringerer innerer Anspannung und erleben sich im Arbeitsalltag oft konzentrierter und belastbarer. Das bedeutet nicht unbedingt, dass jede zusätzliche Runde um den Block automatisch produktiver macht. So einfach funktioniert der Mensch da leider doch nicht. Aber es verdichten sich die Hinweise, dass Bewegung und geistige Leistungsfähigkeit enger miteinander verbunden sind, als lange angenommen wurde.

Unser Gehirn arbeitet schließlich nicht losgelöst vom Rest des Körpers. Es lebt von Sauerstoff, von Durchblutung, von einer Vielzahl fein aufeinander abgestimmter biologischer Prozesse. Wer sich bewegt, bringt deshalb nicht nur Beine und Arme in Gang. Auch im Kopf verändert sich etwas. Gedanken ordnen sich leichter, die Aufmerksamkeit bleibt länger stabil und der Stress scheint ein Stück von seiner Schwere zu verlieren.

Auffällig ist dabei, dass viele Menschen genau das längst erlebt haben, ohne es bewusst wahrzunehmen. Da gibt es diese E-Mail, die sich einfach nicht formulieren lassen will. Jeder Satz klingt falsch. Und nach zehn Minuten schließlich wirkt die Aufgabe noch komplizierter als zuvor. Erst später, vielleicht beim Gang zum Briefkasten oder auf dem kurzen Weg zum Supermarkt, taucht plötzlich genau der Gedanke auf, nach dem man zuvor vergeblich gesucht hat, so als hätte das Gehirn jetzt wieder den Arbeitsplatz gebraucht, um weiter arbeiten zu können.

Solche Momente wirken selbstverständlich, aber sie erzählen viel darüber, wie unser Denken funktioniert. Kreativität entsteht letztlich selten unter Daueranspannung, die Konzentration ebenfalls nicht. Das Gehirn benötigt einen Wechsel, denn gerade dann beginnt oft das Sortieren und es entstehen Verbindungen, sodann werden auch Lösungen vorbereitet, während wir glauben, gerade überhaupt nicht über das Problem nachzudenken.

Unsere Arbeitskultur folgt allerdings häufig einer anderen Logik. Wer konzentriert ist, bleibt sitzen. Wer viel zu tun hat, macht keine Pause. Wer aufsteht, wirkt schnell beschäftigt mit allem, nur nicht mit der Arbeit. Dabei steckt in dieser Vorstellung ein erstaunlicher Widerspruch. Niemand käme auf die Idee, ein Auto tausende Kilometer ohne Pause laufen zu lassen und anschließend Höchstleistung zu erwarten. Beim eigenen Gehirn versuchen wir genau das erstaunlich oft.

Hinzu kommt ein psychologischer Effekt, der im Homeoffice besonders deutlich wird. Die Arbeit kennt kaum noch räumliche Grenzen. Der Esstisch wird zum Schreibtisch,  das Wohnzimmer zum Besprechungsraum, selbst die Kaffeepause findet häufig am selben Platz statt, an dem wenige Minuten später wieder gearbeitet wird. Der Körper erhält dadurch kaum noch Signale dafür, wann eine Anspannung beginnt und wann sie endet. Schließlich werden aus Arbeitstagen einfach nur Sitztage.

Das erklärt auch, warum viele Beschäftigte den Feierabend heute anders erleben als noch vor einigen Jahren. Sie sind ausgelaugt auf eine schwer zu greifende Weise; es ist diese Mischung aus Konzentration, Reizüberflutung und Bewegungsmangel, die sich kaum messen lässt und dennoch erstaunlich viele Menschen betrifft.

Dabei braucht es oft gar keine großen Veränderungen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Der tägliche Spaziergang mag sinnvoll sein,  noch wirkungsvoller jedoch scheinen die kleinen Bewegungen zu sein, die sich unauffällig in den Alltag einfügen, wie etwa Telefonate im Gehen, eine Besprechung, die bewusst ohne Stühle stattfindet oder der längere Weg zur Kaffeemaschine. Von außen betrachtet wirken diese Entscheidungen beinahe belanglos, aber über Wochen und Monate verändern sie den Rhythmus eines ganzen Arbeitstages.

Gerade darin liegt zu guter Letzt eine Erkenntnis, die erstaunlich gut zu unserer Zeit passt. Wir suchen häufig nach großen Lösungen für Probleme, die sich aus vielen kleinen Gewohnheiten zusammensetzen. Es sind die perfekten Morgenroutinen, die idealen Arbeitsmethoden und das nächste Produktivitätssystem. Dabei übersehen wir manchmal, dass unser Gehirn keine großen Maßnahmen verlangt. Es reagiert oft schon auf Dinge, die so schlicht sind, dass sie kaum Aufmerksamkeit bekommen.

Viel zu oft wird die Bewegung deshalb unterschätzt, weil sie sich schlecht verkauft. Natürlich macht nicht gleich jeder Schritt den Menschen gelassener oder erfolgreicher,  doch viele Schritte verändern etwas Grundsätzliches. Sie erinnern den Körper daran, dass Arbeit kein Zustand sein sollte, in dem wir stundenlang regungslos verharren, und sie erinnern den Kopf daran, dass Denken mehr braucht als einen guten Bildschirm.

Am Ende könnte ausgerechnet eine der unscheinbarsten Tätigkeiten des Tages wieder an Bedeutung gewinnen, weil sie etwas ermöglicht, das in einer immer schnelleren Arbeitswelt selten geworden ist. Es ist das natürliche Rhythmus zwischen Anspannung und Entlastung,  zwischen Konzentration und Weite, und eben zwischen Arbeit und dem kleinen Stück Bewegung, das oft viel mehr in Gang setzt, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Wenn der Arbeitstag stehen bleibt

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel