Wer auf die Jagd geht, wird selbst zur Beute<br>
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Es gibt im Türkischen ein Sprichwort, das sinngemäß sagt, wer auf die Jagd geht, wird irgendwann selbst gejagt. Meistens denkt man dabei an jemanden, der anderen eine Falle stellt und am Ende in seiner eigenen landet. Beim Betrug kann man diesen Ablauf besonders gut beobachten.

Da fängt jemand an, Menschen zu täuschen. Er verspricht ihnen etwas, nimmt ihr Geld und lässt sie anschließend mit ihrem Schaden allein. Vermutlich geht es am Anfang nur um eine kleine Summe, oder es ergibt sich eine Gelegenheit und jemand redet ihm ein, dass man auf diese Weise schnell Geld verdienen könne. Er probiert es aus und stellt fest, dass es funktioniert.

Beim ersten Mal hat er noch Angst und denkt über jedes Wort nach und passt auf, wem er was erzählt. Er prüft, woher das Geld kommt, wohin es geht und wer davon weiß. Diese Angst macht ihn besonders vorsichtig, aber dann passiert nichts. Weder kommt einer, noch fragt jemand nach und so bleibt das Geld einfach bei ihm. Also macht er weiter, und so werden es aus einem Menschen mehrere, und aus einer kleinen Summe werden größere Beträge. Er lernt andere Leute kennen, die ihm helfen. Der eine bringt Kunden, der andere eröffnet eine Firma und wieder ein anderer kümmert sich um Zahlungen oder verkauft etwas weiter. Nach einigen Jahren ist daraus ein richtiges System entstanden.

Derjenige, der früher vor jedem Schritt Angst hatte, fühlt sich nun sicher. Er lebt gut, kauft sich teure Dinge und legt Geld zur Seite. Um ihn herum stehen Menschen, die ihm zustimmen und ihn für besonders erfolgreich halten. Einige bewundern ihn wirklich. Andere bleiben nur, weil sie ebenfalls etwas verdienen wollen.

Mit jedem Jahr wächst sein Vertrauen in sich selbst. Er denkt nicht mehr, dass er bisher Glück gehabt hat. Er glaubt nun, dass er besonders klug ist. Der Betrug fühlt sich für ihn auch nicht mehr wie Betrug an. Es ist inzwischen seine Arbeit geworden. Er wacht morgens auf, telefoniert, organisiert, verteilt Aufgaben und kontrolliert das Geld. Alles sieht nach einem normalen Geschäft aus. Nur das Geld, mit dem dieses Geschäft lebt, stammt weiterhin von Menschen, die getäuscht wurden.

Darin liegt eine große Gefahr. Ein Mensch gewöhnt sich an Dinge, die er häufig genug wiederholt. Was ihn am Anfang erschreckt hat, wird irgendwann alltäglich. Die Angst wird kleiner und mit ihr verschwindet auch ein Teil der Vorsicht. Er macht Fehler, die er früher niemals gemacht hätte. Er nimmt Personen in das System auf, die er nicht gut kennt. Er zeigt seinen Reichtum und erzählt mehr, als er erzählen sollte.

Manchmal muss nicht einmal er selbst zuerst auffallen, denn es kann eventuell auch nur einen seiner Helfer erwischen, oder ein anderer ärgert sich über ihn und beginnt darauf hin zu reden. Womöglich gibt auch ein Geschädigter einfach nicht auf und verfolgt die Sache weiter. Dann wird an einer kleinen Stelle angefangen zu prüfen und es wird geschaut,  wohin das Geld ging, wer es empfangen hat bzw. an wen es weitergegeben wurde. Die Fragen häufen sich und man fängt an, einen Pfad zu verfolgen. Und so geht es Schritt für Schritt weiter. Irgendwann erreicht die Untersuchung auch denjenigen, der glaubte, weit genug entfernt zu sein.

Geld verschwindet nicht einfach, es wechselt nur den Besitzer und hinterlässt dabei Spuren. Es landet auf Konten, wird in Firmen gesteckt, für Häuser ausgegeben oder unter anderen Personen verteilt. Jeder Beteiligte ist ein weiterer Mensch, der etwas weiß. Jede Zahlung ist eine weitere Verbindung. Je größer das System wird, desto schwieriger wird es, alles unter Kontrolle zu halten.

Der Betrüger denkt, dass er mit jedem neuen Geschäft reicher wird. Gleichzeitig wird aber auch die Zahl der Menschen größer, die ihn zu Fall bringen können, bis er eines Tages auch tatsächlich gefasst wird.

Dann wird geprüft, was ihm gehört und woher es stammt. Firmen, Konten, Fahrzeuge, Häuser und Wertgegenstände geraten in den Blick. Auch die Personen, mit denen er zusammengearbeitet hat, können betroffen sein. Plötzlich ist nicht nur das Geld in Gefahr, das zuletzt gekommen ist. Alles, was sich über Jahre angesammelt hat, steht auf dem Spiel.

Da stellt sich die Frage, was am Ende wirklich übrig bleibt.
Natürlich hat dieser Mensch vielleicht einige Jahre sehr gut gelebt. Er hatte Geld, Einfluss und viele Leute um sich herum. Er konnte sich Dinge leisten, von denen andere nur träumen, und so lebte er möglicherweise für  zwei, fünf oder zehn Jahre wie ein König.

Doch wie viel ist dieses Leben wert, wenn es an einem einzigen Tag zusammenbrechen kann. Ein ehrlicher Mensch kann ebenfalls alles verlieren. Ein Unternehmen kann scheitern und eine falsche Entscheidung kann viel Geld kosten. Der Unterschied liegt darin, dass der ehrliche Mensch nicht jeden Morgen mit der Möglichkeit leben muss, dass seine gesamte Vergangenheit aufgedeckt wird.

Beim Betrug gehört die Angst immer dazu. Man kann sie eine Zeit lang verdrängen, aber sie verschwindet nicht. Sie sitzt im Hintergrund. Ein Anruf, ein Streit oder die Festnahme eines Bekannten kann plötzlich alles verändern. Trotzdem hören viele nicht auf. Aber von außen denkt man, ein Mensch müsste doch irgendwann sagen, dass es genug sei. Er müsste sein Geld nehmen, sich zurückziehen und ein normales Leben beginnen. Doch das passiert selten. Geld schmeckt süß, besonders wenn es schnell kommt. Mit dem Geld kommen neue Freunde, Bewunderung und das Gefühl, wichtig zu sein.

Hinzu kommt der Reiz des Erfolgs. Wer einen anderen Menschen täuscht und damit durchkommt, fühlt sich  überlegen. Beim nächsten Mal möchte er dieses Gefühl noch einmal erleben. Irgendwann geht es nicht mehr nur um das Geld. Es geht auch darum, wieder zu gewinnen. Genau dabei merkt er nicht, wie sich die Rollen langsam verändern.

Am Anfang sucht er seine Opfer aus. Später suchen andere nach ihm. Am Anfang verfolgt er das Geld der anderen. Später wird sein eigenes Geld verfolgt. Am Anfang glaubt er, das ganze Spiel zu kontrollieren. Später reicht eine einzige Person, die redet, und sein gesamtes System gerät ins Wanken.

Das Erstaunliche ist, dass viele dieser Menschen durchaus klug sind. Sie können Menschen überzeugen, Abläufe organisieren und schwierige Situationen schnell lösen. Sie bauen Netzwerke auf und erkennen Möglichkeiten, die andere nicht sehen.

Wenn sie dieselbe Kraft in ein ehrliches Geschäft stecken würden, könnten sie wahrscheinlich ebenfalls erfolgreich sein. Es würde gewiss länger dauern und das Geld käme nicht so schnell, dafür müssten sie aber nicht ständig zurückblicken.

Ein langsam aufgebautes Leben kann Jahre brauchen. Es kann jedoch auch nach vielen Jahren noch Bestand haben. Ein auf Betrug aufgebautes Leben kann sehr schnell glänzen. Trotzdem bleibt es ein Gebäude, bei dem schon am ersten Tag das Fundament gefehlt hat.

Manchmal sieht man nur den Reichtum eines Betrügers und denkt, dass sich sein Weg gelohnt habe. Man sieht das Auto, die Reisen und die Menschen um ihn herum. Was man nicht sieht, ist die Unruhe dahinter. Man sieht auch nicht den Tag, an dem alles endet.

Wenn dieser Tag kommt, wird aus dem Jäger die Beute. Dann zeigt sich, dass er nicht nur andere Menschen betrogen hat. Am Ende hat er auch sich selbst betrogen. Er hat einige gute Jahre gegen eine Zukunft eingetauscht, in der ihm alles genommen werden kann. Er hat seine Kraft dafür benutzt, etwas aufzubauen, das jederzeit zusammenbrechen musste.

Wer andere jagt, glaubt lange, dass nur die anderen Angst haben müssen. Dabei wird hinter ihm längst seine eigene Spur verfolgt.

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel