Warum wir im Winter mehr grübeln und was uns wirklich rausholt
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RAUS AUS DEM GRÜBELN

Die Abende November oder Dezember fühlen sich nun einem anders an als die Abende im Juni, das ist jedem klar. Draußen ist es nunmal seit Stunden dunkel, die Wohnung ist ruhig, und plötzlich wollen die Gedanken nicht mehr zur Ruhe kommen. Man denkt an den einen Satz von heute Nachmittag, der irgendwie komisch klang oder es ist die eine Aufgabe, die morgen ansteht.

Viele erklären sich das mit Stress oder mit Veranlagung, dabei kann auch die Jahreszeit eine entscheidende Rolle spielen. Im Sommer sind die Abende hell, lang und häufig gefüllt mit Menschen und vor allem mit dem Gefühl, dass draußen noch etwas passiert. Im Winter beginnt die Dunkelheit früh, und so wird die Wohnung zum Mittelpunkt des Abends. Wenn nun die äußeren Reize weniger werden, bleibt mitunter mehr Raum für das, was sich tagsüber im Hintergrund gehalten hat.

Das ist nicht nur eine bloße Einbildung, denn sobald kein Gespräch oder keine Aufgabe mehr die Aufmerksamkeit bindet, richtet sie sich leichter nach innen. Dort trifft sie auf all das, wofür tagsüber keine Zeit war. Vielleicht fühlen sich manche Winterabende deshalb länger an, als sie tatsächlich sind. Es ist nicht so, dass die Uhr langsamer liefe, sondern die Gedanken werden plötzlich lauter, und das ganz ungefragt und meistens zur unpassendsten Stunde.

Grübeln ist dabei kein Zeichen von Schwäche. Es ist zunächst ein sehr menschlicher Versuch, Kontrolle über etwas Unfertiges zu gewinnen. Das Problem beginnt dort, wo das Denken nicht mehr weiterführt, sondern nur noch dieselbe Runde dreht. Derselbe Gedanke läuft in Schleifen, ohne dass sich etwas verändert, außer vielleicht die Erschöpfung, mit der man am nächsten Morgen aufwacht.

Was in solchen Momenten empfohlen wird, klingt meist einfacher, als es ist. „Denk einfach an etwas anderes“ gehört zu den gut gemeinten Sätzen, die kaum jemandem helfen, der gerade mitten im Gedankenkarussell sitzt. Sinnvoller kann es sein, dem Grübeln nicht jede Bühne zu verweigern, sondern ihm eine kleinere zu geben, also mit einem klaren Anfang und einem ebenso klaren Ende.

Eine Möglichkeit ist eine bewusst festgelegte Grübelzeit. Zehn Minuten, in denen alles aufgeschrieben oder zu Ende gedacht werden darf, was sich gerade aufdrängt. Das schafft Abstand und kann verhindern, dass einzelne Gedanken den gesamten Abend besetzen. Danach hilft ein sichtbarer Abschluss mit dem Zuklappen des Zettels oder dem Wechseln des Raums. Schon eine einfache Handlung, die spürbar markiert „Für heute ist diese Runde beendet.“

Durch die frühe Dunkelheit entsteht im Winter bisweilen das Gefühl, der Tag sei längst vorbei, obwohl es noch früher Abend ist. Gleichzeitig fällt es auch vielen schwer, tatsächlich zur Ruhe zu kommen. Ein wiederkehrender Übergang zwischen Alltag und Abend kann daher eine gute Orientierung geben. Das kann schon das Wegräumen des Arbeitsplatzes sein oder auch nur das Rausgehen nach draußen für eine kleine Runde, das zu einer festen Abendstruktur wird und den bewussten Übergang sichtbar macht.

Bewegung am Nachmittag oder frühen Abend kann dabei besonders guttun, selbst wenn es nur ein kurzer Weg an der frischen Luft ist. Sie beendet zwar die Grübeleien nicht auf Knopfdruck, aber sie bringt den Körper in Bewegung, verändert die Umgebung und lenkt die Aufmerksamkeit für eine Weile auf etwas anderes. Wer den ganzen Tag zwischen Bildschirm, Küche und Sofa verbringt, bietet seinen Gedanken nur wenig Abwechslung.

Und manchmal hilft schlicht ein Gespräch, denn ein Gedanke, der laut ausgesprochen wird, verändert häufig schon seine Form. Was im Kopf riesig und bedrohlich wirkte, wird konkreter und manchmal sogar ein wenig kleiner. Natürlich verschwindet das Problem dadurch nicht ruckartig, aber es bekommt eine Größe, mit der sich etwas anfangen lässt.

Wichtig ist aber auch zu unterscheiden, dass nicht jeder Mensch im Winter mehr grübelt, und nicht jeder schwere Abend sich mit einem Spaziergang oder einer festen Routine auflösen lässt. Wenn die Gedanken über längere Zeit kaum noch zu stoppen sind, den Schlaf rauben oder der Alltag zunehmend schwerfällt, kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu holen.

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass der Winter sich nunmal nicht heller denken lässt, aber dennoch müssen seine Abende auch nicht jedes Mal zur Bühne für dieselben Gedanken werden. Manchmal hilft es daher schon, dem Kopf zu zeigen, dass er gehört wurde und ihm danach freundlich, aber bestimmt zu sagen: „Für heute ist genug.“

Warum wir im Winter mehr grübeln und was uns wirklich rausholt

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel