Was Kinder merken, auch wenn wir denken, sie merken nichts - Die kleinen Beobachter
Werbung
Werbung

Wir Eltern glauben oft viel zu gutgläubig, alles im Griff zu haben. So ist der Ton ganz ruhig, das Gesicht freundlich, auch hat niemand geschrien. Und trotzdem fragt das Kind plötzlich, ganz beiläufig beim Zähneputzen: „Bist du sauer?“ Die Antwort lautet meistens: „Nein, wieso denn?“ Oft ist sie sogar ehrlich gemeint. Und trotzdem hat das Kind etwas wahrgenommen, das sich mit Worten kaum fassen lässt.

Kinder sind erstaunlich gute Beobachter für vieles, was Erwachsene für unsichtbar halten. Nicht nur das, was gesagt wird, sondern auch die Art, wie es gesagt wird, kann ihnen mehr verraten, als Eltern bewusst ist. Ein etwas schärferer Tonfall am Telefon, angespannte Schultern beim Blick aufs Handy, ein Seufzen beim Öffnen der Kühlschranktür, das alles kann ein Kind registrieren, lange bevor es die Ursache dafür versteht. Was es daraus macht, ist allerdings nicht immer das, was Erwachsene vermuten würden.

Gerade jüngere Kinder können solche Veränderungen stark auf sich beziehen. Sie denken dann nicht unbedingt: „Mama hat gerade Stress“, sondern fragen sich vielleicht: „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Das ist weder Bosheit noch Überempfindlichkeit. Kindern fehlen schlicht noch manche Erklärungen, mit denen Erwachsene eine angespannte Stimmung einordnen können. Jahresabschluss im Beruf, finanzielle Sorgen oder ein Streit in der Familie sind für sie abstrakt. Dass sich zu Hause etwas anders anfühlt, bemerken sie trotzdem.

Das kann mitunter erklären, warum manche Kinder in angespannten Familienphasen anhänglicher werden oder häufiger fragen, ob alles in Ordnung ist. Andere ziehen sich möglicherweise eher zurück. Solche Veränderungen können viele Ursachen haben. Manchmal sind sie aber ein Versuch, mit einer Atmosphäre umzugehen, die sich verändert hat, ohne dass darüber gesprochen wurde. Ein Kind, das immer wieder „Alles okay?“ fragt, sucht vielleicht nach der Bestätigung, dass seine Welt weiterhin verlässlich ist. Ein Kind, das sich ungewöhnlich still beschäftigt, möchte womöglich keine zusätzliche Unruhe verursachen.

Eine kurze, kindgerechte Erklärung ist dann häufig hilfreicher als der Versuch, jede Anspannung zu überspielen. Wenn Eltern nach einem schwierigen Abend so tun, als sei überhaupt nichts gewesen, kann beim Kind ein widersprüchliches Gefühl zurückbleiben, denn es hat etwas wahrgenommen, bekommt aber keine Erklärung, die dazu passt.

Ein einfacher Satz kann diese Lücke schließen: „Ich war heute wegen der Arbeit gestresst. Das hat nichts mit dir zu tun.“ Mehr braucht es oft nicht. Kinder müssen weder alle Einzelheiten erfahren noch die Sorgen der Erwachsenen mittragen. Sie brauchen aber manchmal die Bestätigung, dass ihre Wahrnehmung nicht falsch war und dass sie nicht die Ursache für die angespannte Stimmung sind.

Das bedeutet nicht, dass Eltern jede schlechte Laune erklären oder sich dafür rechtfertigen müssen. Niemand kann und muss ununterbrochen ausgeglichen wirken. Ein Zuhause, in dem auch Müdigkeit, Ärger und schlechte Stimmung vorkommen dürfen, ist ehrlicher als eines, in dem ständig Harmonie gespielt wird. Entscheidend ist daher weniger, ob Anspannung entsteht, sondern wie anschließend damit praktisch umgegangen wird. Manchmal genügt schon eine kurze Einordnung und manchmal auch eine einfache Entschuldigung.

Gerade in Wochen, in denen ohnehin viel zusammenkommt, sei es das Jahresendgeschäft, die Familienbesuche oder die Erwartungen an ein „schönes Fest“, lohnt sich deshalb ein zweiter Blick auf das, was bei den Kleinen ankommt, selbst wenn kein einziges lautes Wort gefallen ist. Eltern müssen sich damit nun nicht noch mehr unter Druck setzen, sondern einfach nur verstehen, warum ein Kind manchmal genau dann fragt, ob alles in Ordnung ist, wenn man glaubte, sich nichts anmerken zu lassen.

Am Ende zählt diese kleine Rückversicherung, die weniger die perfekte Stimmung ist, sondern vielmehr das ehrliche Wort danach.

Was Kinder merken, auch wenn wir denken, sie merken nichts - Die kleinen Beobachter

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel