Wenn die Seele nicht mehr kann - Woran man es zu spät erkennt
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KÖRPER IN BEWEGUNG

In manchen Zuständen helfen die einfachen Worte auch nicht weiter. Dabei fühlen sich die Ratschläge dann wie leere Hüllen an, und selbst gut gemeinte Gespräche prallen an einer unsichtbaren Wand ab. Diese Zustände können sodann Angst und Depression hervorrufen. Sie verändern, wie Menschen sich selbst und ihre Umgebung wahrnehmen.

Das Tückische ist dabei, wie unauffällig eine solche Entwicklung beginnen kann. Es ist nich so, dass ein Mensch eines Morgens aufwacht und dann weiß: „Jetzt bin ich in einer Krise“. Häufig sind es die kleinen Veränderungen, die sich zunächst gut erklären lassen. Das kann ein Abend sein, an dem man lieber allein bleibt, obwohl man sonst gern unter Menschen ist. oder ein Hobby, das plötzlich keine Freude mehr macht, sondern nur noch Kraft kostet. Ein einzelnes Anzeichen muss natürlich noch nichts bedeuten. Wenn jedoch mehrere Veränderungen zusammenkommen und über längere Zeit bleiben, entsteht ein Muster, das ernst genommen werden sollte.

Genau darin liegt aber die Schwierigkeit, denn wer mitten in dieser Entwicklung steckt, hat oft nicht den Abstand, um zu erkennen, was gerade geschieht. Man funktioniert noch, geht zur Arbeit, kümmert sich um die Familie und beantwortet Nachrichten. Weil dieses Funktionieren von außen wie Normalität aussieht, fällt es schwer, sich selbst einzugestehen, dass innerlich längst etwas ins Rutschen geraten ist. Eine seelische Krise trägt kein sichtbares Datum, an dem sie beginnt. Häufig wird sie erst bemerkt, wenn der Alltag bereits deutlich schwerer geworden ist.

Ein wichtiger Anhaltspunkt ist dabei die Dauer. Bestehen Niedergeschlagenheit, innere Leere, Interessenverlust oder starke Erschöpfung über mindestens zwei Wochen fast täglich, verändern sich Schlaf oder Appetit deutlich oder gelingt der Alltag nur noch mit großer Mühe, sollte das fachlich abgeklärt werden. Auch ungewöhnliche Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme und zunehmender Rückzug können dazugehören. Eine Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Sprechstunde kann der erste Ort sein, an dem das diffuse Gefühl, dass „es nicht mehr geht“, eingeordnet wird. Dafür muss niemand vorher selbst wissen, ob es sich tatsächlich um eine Depression handelt.

In den vergangenen Jahren ist dabei ein Verbündeter stärker in den Blick geraten, nämlich die Bewegung, die ein Baustein sein kann, der eine Behandlung ergänzt und die psychische Stabilität unterstützt. Sie ist jedoch für sich genommen längst kein Ersatz für professionelle Hilfe und kein Versprechen, dass es einem anschließend sofort besser geht.

Allerdings kann bei Angst eine körperliche Aktivität helfen, die Aufmerksamkeit auf den Körper und die Umgebung zu lenken. Gehen, Radfahren oder leichtes Joggen geben der inneren Anspannung einen äußeren Rhythmus. Herzschlag und Atmung werden dabei bewusst erlebt, ohne dass sie ausschließlich als Zeichen einer Bedrohung erscheinen. Wie hilfreich das ist, unterscheidet sich jedoch von Mensch zu Mensch. Bei starker Angst oder Panik sollte Bewegung nicht zu einer weiteren Prüfung werden, die man unbedingt bestehen muss.

Bei einer Depression liegt die Schwierigkeit häufig schon vor dem ersten Schritt. Antrieb, Energie und Zuversicht fehlen gerade dann, wenn Bewegung guttun könnte. Der Satz „Du musst einfach mal rausgehen“ verkennt deshalb, was eine Depression ausmacht. Wer betroffen ist, scheitert nicht an mangelnder Disziplin. Schon das Aufstehen, Anziehen oder Verlassen der Wohnung kann sich wie eine kaum zu bewältigende Aufgabe anfühlen.

Deshalb beginnt Bewegung in solchen Phasen nicht mit einem Trainingsplan. Es können dann nur die fünf Minuten an der frischen Luft sein oder ein kleiner Weg bis zur nächsten Ecke, und das möglichst gemeinsam mit einem Menschen, der nicht drängt und der keine Leistung erwartet. Entscheidend ist also nicht die Zahl der Schritte, sondern dass das Vorhaben zur verfügbaren Kraft passt. Aus einem kleinen Weg kann sodann langsam wieder ein Rhythmus entstehen.

Regelmäßige körperliche Aktivität kann darüber hinaus den Schlaf, das körperliche Wohlbefinden und das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit unterstützen. Auch für die langfristige Gesundheit des Gehirns spielt Bewegung eine Rolle. Sie fördert unter anderem die Durchblutung und beeinflusst verschiedene biologische Prozesse, die für die Gesundheit von Nervenzellen bedeutsam sind. Das bedeutet nicht, dass Bewegung eine Demenz sicher verhindern kann, aber sie gehört zu den Lebensgewohnheiten, die mit einem geringeren Risiko für geistigen Abbau verbunden sind.

Wer sich bewegt, erlebt für einen Moment, dass noch etwas möglich ist. Der Körper setzt einen Schritt vor den anderen, während die Gedanken für eine Weile nicht alles bestimmen.

Es gibt leider noch lange kein Patentrezept gegen Angst oder Depression und die Bewegung kann zwar helfen, aber sie heilt nicht jede Erkrankung und sie darf nicht zur nächsten Forderung werden, an der sich ein erschöpfter Mensch messen muss. Entscheidend bleibt daher vor allem, ehrlich hinzusehen, wenn sich über Wochen etwas verändert. Wer bemerkt, dass ihm zunehmend Dinge schwerfallen, die früher selbstverständlich waren, muss das nicht allein einordnen.

Manchmal beginnt Veränderung mit einem Anruf in einer Hausarztpraxis, mit einem Termin in einer psychotherapeutischen Sprechstunde oder mit einem ersten ehrlichen Satz gegenüber einem Menschen, dem man vertraut. Und manchmal beginnt sie mit einem Schritt vor die Tür. Nicht heroisch, sondern so klein, wie es an diesem Tag eben möglich ist.

Wenn die Seele nicht mehr kann - Woran man es zu spät erkennt

Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel