Kakao gegen Stress: Mythos oder Medizin?
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KAKAO IM CHECK


Viele Momente im Winter fühlen sich fast immer gleich an. Der Tag war wieder einmal voll, die Hände sind dauerkalt, draußen ist es schon seit Stunden dunkel, und man steht kurz in der Küche, bevor der nächste Punkt auf der Liste drankommt. Genau in solchen Momenten greifen viele automatisch zu etwas Warmem. Nicht, weil sie eine Studie gelesen hätten, sondern weil sich etwas in ihnen danach sehnt, das schwer in Worte zu fassen ist.

Diese Sehnsucht ist älter als jeder Wellness-Trend. Warme Getränke begleiten Menschen durch kalte Monate, seit es kalte Monate gibt. Was sich verändert hat, ist die Art, wie wir darüber sprechen. Kaum ein Lebensmittel wird im Winter so widersprüchlich verhandelt wie Kakao, der mal als kindliche Erinnerung verklärt, mal als Zutat mit angeblich medizinischer Wirkung beworben wird wie etwa „senkt den Stress“, „schützt die Gefäße“, als wäre eine Tasse ein kleines Rezept. Beides trifft aber nicht ganz, was tatsächlich dahintersteckt.

Was die Forschung tatsächlich hergibt, ist deutlich vorsichtiger. Reines Kakaopulver hat ohnehin einen hohen Kakaoanteil. Kakao enthält Flavanole, sekundäre Pflanzenstoffe, die im Zusammenhang mit der Gefäßfunktion untersucht werden. Wie viel davon im jeweiligen Produkt enthalten ist, hängt aber stark von der Sorte und der Verarbeitung ab. Einzelne Studien weisen auf positive Effekte auf die Funktion der Blutgefäße hin. Die dabei untersuchten Mengen lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres mit einer gewöhnlichen Tasse Trinkkakao vergleichen.Wer also erwartet, dass eine Tasse Kakao einen belastenden Tag neutralisiert, wird enttäuscht werden. Und doch bleibt eine Beobachtung, die kaum jemand bestreitet, nämlich dass sich das Trinken gut anfühlt. Die Frage ist nur, woran das eigentlich liegt.

Stress verändert nicht nur, was im Körper passiert, sondern auch, wie wir mit uns selbst umgehen. Wer erschöpft ist, greift oft zu dem, was am schnellsten geht, etwas Süßes im Vorbeigehen, das dritte Glas Wasser, das man eigentlich schon längst hätte trinken sollen, oder gleich gar nichts, weil selbst das Nachdenken darüber schon zu viel ist. Das ist menschlich und nachvollziehbar. Nur bleibt danach selten das Gefühl, das man eigentlich gesucht hat, nämlich kurz durchzuatmen.

Ein heißes Getränk kann diesen Automatismus auf eine andere Weise unterbrechen, und zwar nicht durch das, was darin steckt, sondern durch das, was es verlangt. Es braucht ein paar Minuten Zubereitung. Man kann es nicht nebenbei konsumieren, ohne es zu bemerken, so wie man einen Schokoriegel im Gehen isst und sich zwei Minuten später nicht mehr erinnert, wie er geschmeckt hat. Die Wärme in den Händen ist außerdem ein Signal, das der Körper unmittelbar versteht, noch bevor der erste Schluck genommen wird. Es ist das Zeichen dafür, dass jetzt die Zeit für eine kurz Pause da ist. Genau darin liegt vermutlich auch der eigentliche Wert. Es liegt also nicht in einem bestimmten Inhaltsstoff, sondern in der Unterbrechung selbst, die sich niemand extra freischaufeln muss, weil sie sich von allein ergibt, sobald der Wasserkocher angeht.

Das lässt sich im Übrigen auch ohne Kakao erreichen. Mit Tee, mit heißem Wasser und einer Scheibe Ingwer, mit was auch immer jemandem am besten schmeckt. Entscheidend ist daher weniger das Getränk als das kleine Ritual drumherum, das kaum Zeit kostet und trotzdem eine Grenze zieht zwischen dem, was gerade war, und dem, was als Nächstes kommt.

Das heißt natürlich nicht, dass Ernährung für das Stresslevel unwichtig wäre. Wer sich über Wochen überwiegend von stark verarbeiteten, sehr zuckerhaltigen Lebensmitteln ernährt, tut sich langfristig keinen Gefallen, gerade wenn der Körper ohnehin schon unter Druck steht. Nur liegt die Lösung selten in einer einzelnen Zutat, die als Schutzschild verkauft wird, sondern in kleinen, wiederholbaren Gewohnheiten, die man auch an einem schlechten Tag noch schafft.

Schließlich ist das auch der ehrlichere Blick auf den Winter. Es gibt keine Zutat, die Stress auflöst, kein Getränk, das eine Frist verschiebt oder ein schwieriges Gespräch erspart. Es gibt aber Gesten, die uns daran erinnern, kurz innezuhalten, bevor der nächste Punkt auf der Liste drankommt. Eine warme Tasse in beiden Händen ist eben eine davon. Nicht, weil sie etwas repariert, sondern weil sie uns für einen Moment erlaubt, langsamer zu werden, als der Tag es eigentlich vorgesehen hatte.

Und manchmal ist genau das schon die ganze Wirkung, lange bevor die Tasse leer ist.


Von Kamuran Cakir

Aus einem anderen Blickwinkel