Kennt ihr nicht auch diesen Moment am 27. Dezember, den kaum jemand vorher einplant? Die Geschenke sind ausgepackt, das Essen ist gegessen, die Wohnung sieht aus, als hätte ein kleiner Sturm sie heimgesucht, und plötzlich ist es still. Genau in dieser Stille zeigt sich oft am deutlichsten, was von einem Weihnachtsfest bleibt. Es ist etwas, das viel schwerer zu fassen ist und sich meistens erst zeigt, wenn der Trubel vorüber ist.
Weihnachten wird gern als das Fest der Familie beschrieben, als würde sich mit dem Anzünden der ersten Kerze automatisch alles beruhigen, was das restliche Jahr über kompliziert war. Wer das schon einmal erlebt hat, weiß, dass es selten so einfach ist. Menschen, die sich sonst kaum sehen, sitzen plötzlich stundenlang am selben Tisch. Erwartungen, die über das Jahr nie ausgesprochen wurden, kommen zwischen Gans und Bescherung mitunter doch zur Sprache, manchmal freundlich, manchmal weniger. Das ist keine Seltenheit und trotzdem redet kaum jemand offen darüber, weil es nicht zum Bild vom harmonischen Fest passt.
Aber gerade darin liegt auch ein Teil der Anspannung, die viele im Dezember spüren, ohne sie richtig benennen zu können. Es ist nicht nur der organisatorische Druck mit dem Geschenkebesorgen, das Essen vorzubereiten und zu klären, wer wann wohin fährt. Hinzu kommt der stille Anspruch, dass ausgerechnet an diesen Tagen alles gut sein soll, was über Monate schwierig war. Ein Fest, das Nähe verspricht, kann schmerzhaft daran erinnern, wo Nähe eigentlich fehlt, mal weil jemand nicht mehr am Tisch sitzt, mal weil eine Familie sich entzweit hat oder auch mal weil man an diesem Abend lieber allein wäre, es sich aber nicht einzugestehen wagt.
Viele, die Weihnachten für sich neu gedacht haben, machen eine ähnliche Erfahrung, bei der das Fest leichter wird, sobald man aufhört, es um jeden Preis retten zu wollen. Es muss nicht jedes Gespräch geklärt werden, nur weil gerade Heiligabend ist. Es muss auch nicht jede Tradition fortgeführt werden, nur weil es sie schon immer gab. Ein Fest kann auch dann gelingen, wenn nicht die ganze Familie anwesend ist, das Essen einfacher ausfällt oder man den Abend in diesem Jahr anders verbringt als gewohnt.
Erstaunlich ist vor allem, wie unterschiedlich Menschen dieselben Feiertage erleben. Für die einen ist Weihnachten der Höhepunkt des Jahres, für andere die anstrengendste Woche überhaupt. Nicht selten trifft beides sogar auf dieselbe Person zu, je nachdem, wer gerade mit am Tisch sitzt. Auch wer allein lebt, kann die Feiertage sehr unterschiedlich empfinden, entweder als wohltuend ruhig oder als schmerzhaft einsam. Vieles hängt letztlich davon ab, ob es gelingt, die Tage nach den eigenen Bedürfnissen zu gestalten, statt sie an dem zu messen, was Filme und Werbespots als das richtige Weihnachten zeigen.
Schließlich hat das, was in diesen Tagen wirklich trägt, meist wenig mit Perfektion zu tun. Es sind schlicht die kleinen, unscheinbaren Momente wie ein Telefonat mit jemandem, der sonst selten anruft, ein Spaziergang am zweiten Feiertag, wenn drinnen alle müde vom Essen sind, oder ein Lied, das plötzlich eine Erinnerung weckt, die man längst vergessen glaubte. Solche Momente stehen in keinem Ablaufplan und gerade deshalb wirken sie möglicherweise oft stärker als das durchorganisierte Festprogramm um sie herum.
Auch das Schenken erscheint in einem anderen Licht, wenn man darüber nachdenkt, was mit dem „wahren Sinn des Festes“ gemeint sein könnte. Es geht selten um den Wert eines Geschenks, denn entscheidender ist das Gefühl, dass sich jemand die Zeit genommen hat, über einen anderen Menschen nachzudenken. Manchmal zeigt sich das in einer sorgfältig ausgesuchten Kleinigkeit, manchmal nur in einem Satz, der erkennen lässt: „Du wurdest wahrgenommen“. Beides kann mehr bedeuten als alles, was unter dem Baum liegt.
Von den meisten Weihnachtsfesten bleibt am Ende kein einzelnes großes Ereignis in Erinnerung, sondern eine Stimmung. Ein Gefühl von Wärme oder auch von Anstrengung, je nachdem, wie das Jahr verlaufen ist. Und die ehrlichere Beschreibung dieses Festes bedeutet vielleicht, dass Weihnachten kein Garant für Harmonie ist, sondern nur eine Gelegenheit dazu. Wer es also nicht als Pflichttermin zur Perfektion begreift, sondern als eine von vielen Gelegenheiten im Jahr, sich einem anderen Menschen bewusst zuzuwenden, nimmt dem Fest einen Teil seines Drucks, und gibt ihm dafür etwas zurück, das näher an dem liegt, was sich die meisten wünschen.
So bleibt am 27. Dezember, wenn die Wohnung wieder aufgeräumt ist und der Alltag langsam zurückkehrt, dann oft nicht die Erinnerung an das perfekte Fest, sondern an den einen Moment, in dem jemand wirklich da war.



